40 Jahre Oikocredit – in Menschen investieren

matthias_lehnert_oikocredi_300tLandwirtschaft in Paraguay oder Ägypten. Finanzielle Unabhängigkeit für Frauen in Indien. Solarlampen, die preiswertes Licht in entlegene Dörfer bringen. Verbesserte Häuser für Menschen mit geringen Einkommen in Kambodscha und und und. Diese und viele weitere Kredite hat die internationale Genossenschaft Oikocredit in den vergangen vier Jahrzehnten in zahlreichen Ländern Afrikas, Lateinamerikas, Asiens und Osteuropa vergeben.

Anlässlich des 40. Geburtstages, den Oikocredit in diesem Jahr feiert, haben wir mit Matthias Lehnert gesprochen. Er ist Geschäftsführer der Geschäftsstelle Oikocredit Deutschland in Frankfurt. Hier unterstützen er und sein Team die deutschen Oikocredit-Förderkreise und sind das Bindeglied zur internationalen Hauptgeschäftsstelle in Amersfoort, Niederlanden.

Gemeinschaft vertrauen

Da ist zunächst der Name. Was heißt „Oikocredit“? Es ist ein Kunstwort, das sich aus zwei Teilen zusammensetzt: „Oiko“ entstammt dem griechischen Wort für „Haus, Gemeinschaft, Welt“, „credit“ bezieht sich zwar auf die Kredittätigkeit, ist zudem zurückzuführen auf das lateinische „credere“: jemandem vertrauen.

Was passiert mit meinem Geld?

Seit April 2009 ist Matthias Lehnert bei Oikocredit tätig. „Von Haus aus bin ich Politikwissenschaftler und Volkswirt. Um das Jahr 2007 – ich wurde damals 30 – habe ich mir die Frage gestellt: Was treibt dich eigentlich an? In der Zeit gab es ein starkes Interesse an nachhaltigem Konsum: Fairtrade kam in den Supermärkten an, die Ökostromwelle rollte durchs Land. Und ich fragte mich: Was passiert mit dem Geld, das wir nicht unmittelbar ausgeben? So stieß ich auf Oikocredit und auch auf die GLS Bank.“ Als 2008 die Finanzkrise ihren Lauf nahm, standen plötzlich die Fragen nach nachhaltigen Alternativen zum fragwürdigen Geschäftsgebaren vieler Banken auf der öffentlichen Agenda. „Wir haben – wie ihr – eine neue Aufbruchsstimmung erlebt. Die plötzliche Wahrnehmung der Menschen und der Medien für unsere Themen war wirklich erstaunlich.“

Transparenz schafft Vertrauen

CRECE-BO-05_400Natürlich gab und gibt es auch Anbieter, die versuchen, auf diesen Zug aufzuspringen, um vom Trend zu profitieren. Das ist nicht unbedingt schlecht. Will man wirklich etwas verändern, müssen viele mitmachen. Entscheidend ist aber, das auch über lange Zeiträume durchzuhalten. Oikocredit und die GLS Bank haben genau diesen „langen Atem“ bewiesen. Matthias Lehnert: „Die Menschen merken, hey, die haben nicht nur eine schicke Broschüre, die Institution hat sogar schon 40 Jahre auf dem Buckel. So können die Menschen bei Oikocredit und auch der GLS Bank nachvollziehen, wie wir wirtschaften und wer hier wirtschaftet.“ Und das verleiht Reputation und schafft Vertrauen.

International aktiv

Die Impulse zur Gründung von Oikocredit kamen Ende der 1960er Jahre aus dem ökumenischen Rat der Kirchen. Damals ging es darum, eine Geldanlagemöglichkeit für kirchliche Organisationen zu schaffen, die im Einklang mit dem christlichen Glauben, der Botschaft des Evangeliums steht. THRIV-IN-25_400An Privatanleger dachte damals niemand. Aber es waren dann Privatleute, die mit ihren eigenen Rücklagen die Idee unterstützten und ihr den nötigen Schub verliehen. Sie schlossen sich zu Förderkreisen zusammen, über die sie ihre Geldanlagen in die Genossenschaft einbrachten. Schon bald kam der Großteil des Kapitals für die Darlehen und Beteiligungen von Privatpersonen über Förderkreise in Europa, Nordamerika und Asien. Inzwischen ist die Zahl der Investoren auf weltweit über 53.000 gestiegen. Und nicht nur das: Viele Anleger engagieren sich auch ehrenamtlich als Vorstände in den Förderkreisen oder als Multiplikatoren. Diese starke Basis trägt und prägt die Genossenschaft. „Eine Bewegung aus Menschen, die sich zusammenschließen und gemeinsam eine Idee verwirklichen, hinter der sie stehen – das macht die internationale Genossenschaft Oikocredit noch heute aus“, so Lehnert.

Unterstützen durch Sparen

Eine weitere Möglichkeit, Oikocredit zu unterstützen, ist das GLS Oikocredit Sparkonto. In Höhe der hier angelegten Gelder vergibt die GLS Bank Kredite an Oikocredit, die diese wiederum an ihre Partner in Schwellen- und Entwicklungsländern weitergibt. Das Kontomodell hat inzwischen Pilotcharakter. Eine ähnliche Kooperation ist Oikocredit mit unserer schwedischen Partnerbank Ekobanken eingegangen und auch mit Credit Unions in Kanada gibt es bereits Überlegungen, verwandte Modelle anzubieten.

Dinge schaffen, die vielen nützen

Ein Projekt, das Matthias Lehnert besonders beeindruckt oder berührt hat? Rund 800 Projekte finanziert Oikocredit aktuell, nur eines herauszupicken fällt ihm schwer. „All die Geschichten, Bilder, Menschen, die wir teilweise über Jahre begleiten, das ist schon etwas ganz Besonderes. Aber kaufe ich zum Beispiel im Weltladen Schokolade und entdecke den Namen eines unserer Partner auf der Verpackung, dann freut mich das sehr.“ Denn so wird der Kreislauf des Geldes für ihn, die Mitglieder und die Gesellschaft greifbar: Über den Förderkreis und die Genossenschaft gelangt das eigene Geld an die Partner vor Ort, an Menschen, die mit diesem Geld wirtschaften. Ihre Produkte kommen über den fairen Handel zu uns zurück, die Erlöse fließen wieder zu den Kleinbauern. „Das Geld endet nicht in irgendeinem anonymen Finanzprodukt, sondern trägt dazu bei, dass Dinge geschaffen werden, die vielen nützen“

Seid Ihr neugierig geworden? Am Mittwoch, den 30.09. lädt Oikocredit zu einer Informationsveranstaltung in unsere Frankfurter Filiale ein. Los geht’s um 19:00 Uhr.

 

  1. Hallo, es gibt Institutionen die nach Lesen des Artikels deutlich mehr Aufmerksamkeit verdienen. Mir war OikoCredit überhaupt kein Begriff bis ich diesen Artikel hier gelesen habe. Tolles Engagement in einer Zeit, in denen Hilfe für notleidende Menschen bis zum Nimmerleins Tag diskutiert wird. Was allerdings traurig ist, dass dieses Projekt mehr private Förderer hat als – wie ursprünglich gedacht – kirchliche Institutionen. Prägt mein Bild der Kirche nicht zum Besseren….Gruss Markus

  2. Ergänzend hierzu ein Interview mit Ulrike Chini, Geschäftsführerin des Oikocredit Westdeutschen Förderkreises: http://www.fairer-handel-aktuell.de/2015/09/11/entwicklung-investieren-anstatt-spenden/

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