Reisebericht aus Indien: Land der Widersprüche (Teil 2)

Im zweiten Teil ihres Reiseberichts aus Indien berichtet Dr. Annette Massmann, Geschäftsführerin der Zukunftsstiftung Entwicklungshilfe, aus dem Leben von Frau Sumathy, die sich engagiert für mehr Hygiene in ihrem Dorf einsetzt und für den Projektpartner der Zukunftsstiftung Eco Pro arbeitet.

 


Eine Frau kämpft gegen Müll und für Hygiene

Eine Frau, die sich unermüdlich für andere einsetzt, ist Frau Sumathy (auf dem Foto links). Sie ist 42 Jahre alt. Als erstes Mädchen aus ihrem Dorf Boodheri in der Nähe von Pondicherry, besuchte sie eine weiterführende Schule. Ihre Mutter, selbst Analphabetin und ihr Vater, ein kleiner Regierungsangestellter, wollten für ihre Tochter eine bessere Bildung, als sie sie selbst genossen haben. Frau Sumathy erzählt: „Ich war so schüchtern als ich auf das Mittelschulinternat kam. Mein Englisch war schlecht, die übrigen Mädchen kamen aus besser gestellten Familien.“ Besser ge­stellt bedeutet hier nicht nur vermögender. Sie kamen aus höheren Kasten und ließen dies Frau Su­mathy in jeder Beziehung spüren.

Obwohl das hinduistische Kastensystem offiziell seit den sechziger Jahren abgeschafft ist, bestimmt es noch immer das alltägliche Leben aller Inder. In jeder Begegnung schwingt die Bestimmung des sozialen Standes und damit einhergehender Unterordnung und Aufgabenstellung mit. Alle Biographien sind davon gezeichnet. Mit tiefen Spuren vor allem bei denjenigen, die als so genannte Unberührbare versuchen, ihren zugewiesenen Stand über höhere Bildung zu verlassen. Ein mühevolles Unterfan­gen. Frau Sumathy war wissbegierig, machte einen Masterabschluss in Mikrobiologie, absolvierte Ausbildungen in organischem und biodynamischem Landbau, dem Einsatz effektiver Mikroorganismen zur Bodenverbesserung, in Müll- und Was­sermanagement. Heute arbeitet sie bei unserem Projektpartner Eco Pro.

Wo Toiletten und Hygiene nicht Standard sind …

Hygiene, der Umgang mit Wasser, mit Müll und organischem Anbau sind die Themen von Frau Sumathy. Hygiene um­fasst zum einen Toilettenbau und -nutzung, aber genauso die Weiterbildung von Frauen in Bezug auf Frauen­gesundheit – bis heute ein Tabuthema. Mädchen gehen ohne jedes Wissen über ihren Körper in die Ehe. Die Regierung bietet nach dem zweiten Kind die kostenfreie Sterilisierung an, die von der Mehr­heit der Frauen genutzt wird. Gebärmutterkrebs bei Frauen über 45 Jahren ist eine der am weitesten verbreiteten Erkrankungen – auch eine Folge mangelnder Hygiene und häufiger Infektionen.

Im Dorf Boodheri, aus dem Frau Sumathy kommt, leben etwa 1.800 Menschen. 29 Familien haben inzwischen dank des Einsatzes von Frau Sumathy Toiletten. Es sind die Frauen des Dorfes, die vor allem für ihre Töchter Toiletten haben wollen, denn die Umgebung wird immer dichter besiedelt. „Sie wissen nicht mehr, wohin sie in der Dunkelheit gehen sollen. Bei Tageslicht erleichtert sich so­wieso keine Frau.“

Frau Sumathy lernte in ihrem ersten Hygiene- und Toilettenprojekt in einem anderen Distrikt, dass der Bau von Toiletten nur dann in ihre Nutzung mündet, wenn die Menschen selber den Bau wollen, dafür arbeiten und selbst zu den Kosten beitragen. Ein Modell, das sie auf ihr Dorf übertrug. Mit Mitteln der Zukunftsstiftung Entwicklungshilfe baute sie in zwei Schüben mit denjenigen Frauen Toi­letten, die auf sie zukamen, Eigenmittel einbrachten und selber Hand anlegten. 250 Toiletten, ECO SAN Komposttoiletten, will sie erreichen, dann sei ihr Dorf versorgt. Frauen seien die Motoren für Veränderung. Männer zögen höchstens nach, lacht Frau Sumathy und erzählt, dass der erste Mann in ihrem Dorf eine Toilette benutzte, weil er krank war. Leider macht sein Beispiel noch keine Schule.

„Ich habe mein Dorf adoptiert“

Frau Sumathy bleibt nicht bei den Schulungen zu Hygiene und Toilettenbau stehen. In ihrem Eltern­haus zeigt sie mir Säcke, die mit dem Slogan „Boodheri ist schön. Sammelt Plastikmüll ein!“ bedruckt sind. Diese Säcke will sie durch angesehene Unternehmer aus einem nahegelegenen Städtchen ver­teilen lassen, um für Müllsammlung zu werben. Auch möchte sie die Frauen, die nun mit ihr zusam­mengearbeitet haben, perspektivisch im organischen und biodynamischen Landbau schulen. Ihr Ziel ist, die von Mangelernährung gekennzeichnete Ernährung zu verbessern und das Wirtschaften in Kreisläufen zu lehren.

„Ich habe mein Dorf adoptiert“, erklärt sie. „Das Toilettenprojekt macht mich stolz. Ich habe die Idee aufgegeben, in meinem Leben zu heiraten. Ich widme mich meinem Dorf und meinen Neffen und Nichten.“ Vier Neffen und zwei Nichten hat sie, für deren Schulgebühren sie aufkommt.

Frau Sumathy einen Tag lang zu erleben, erfüllt mit großem Respekt ihrer Haltung, ihrem Einsatz und ihrer Durchsetzungsfähigkeit gegenüber. Es sind die Menschen  wie Frau Sumathy und Herr Rajavelu (vorgestellt in Teil 1 des Reiseberichts), die für dieses kulturell reiche, boomende und widersprüchliche Land, das vor ungeheuren Herausforderungen steht, hoffen lassen.

Spenden helfen

Der Bau einer ECOSAN Komposttoilette kostet 30.000 INR, das entspricht 429 Euro. 143 Euro davon werden von den Fami­lien, zuzüglich zu ihrer Arbeitsleistung, eingebracht. 286 Euro pro Toilette müssen durch Spenden finanziert werden. Ein Mikrokredit beträgt 10.000 INR also 143 Euro. Nach der Rückzahlung wird er an weitere Frauen ausgezahlt.  

Mit Eurer Spende ermöglicht Ihr den Bau weiterer Komposttoiletten – einfach online spenden, Spendenzweck: Komposttoiletten.

 Mehr Infos

Zukunftsstiftung Entwicklungshilfe

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