Zielkonflikte: Wie unterschiedliche Vorstellungen von Nachhaltigkeit zu Lösungen führen

Zielkonflikte: Wie unterschiedliche Vorstellungen von Nachhaltigkeit zu Lösungen führen

Auf allen Ebenen nachhaltig zu agieren ist längst eine Notwendigkeit. Doch die Vorstellungen davon, welches Handeln nachhaltig – und vielleicht wichtiger – ist, könnten teils unterschiedlicher nicht sein. Zielkonflikte sind an der Tagesordnung. Doch mit Mut und Offenheit lassen sie sich zum Vorteil aller nutzen.

In unserer komplexen, globalisierten und eng verzahnten Welt entsteht zunehmend das Narrativ der Nachhaltigkeit. Neue Start-ups, ökologischere Produkte, bessere Mobilität, eine andere Energieversorgung, gemeinwohlorientierte Städte: Neue Denkmuster und Innovationen ebnen den Weg zur sozial-ökologischen Transformation.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Beziehungsweise so leicht dürfen wir es uns nicht machen. Denn der Wandel trägt zahlreiche Zielkonflikte in sich und genau diese gilt es, proaktiv in den Blick zu nehmen. Jedenfalls wenn wir dies wollen: eine breite Wirksamkeit erreichen und wirklich tragfähige Lösungen entwickeln.

Bashing ist zu einfach

Unlängst kritisierte ein Artikel der „ZEIT“ die Deutsche Umwelthilfe dafür, dass sie überlegte, bei der niedersächsischen Landesregierung Widerspruch gegen den für die Unabhängigkeit von russischem Gas wichtigen Bau des schwimmenden LNG-Terminals einzulegen. Der Schritt wurde erwogen, da die Umwelthilfe schwere Beeinträchtigungen für Schweinswale durch Schallemissionen befürchtete.

Derselbe Artikel kritisierte auch den NABU, der sich gegen ein für die Mobilitätswende gebrauchtes ICE-Werk der Deutschen Bahn stellt – aus Sorge, dass die letzten Rückzugsgebiete des Gefleckten Knabenkrauts, einer Orchideenart, dadurch bedroht würden.

Den gesamten Artikel durchzieht die etwas despektierliche These, dass in Deutschland Projekte von größter Dringlichkeit und höchstem gesellschaftlichen Nutzen aufgrund belangloser Randproblematiken verzögert würden. Indem der Text recht einseitig argumentiert und sich nicht an einer konstruktiven Auseinandersetzung versucht, wird eine große Chance vertan, ein Thema zu behandeln, das uns schon länger begleitet, aber selten offen adressiert wird: die Zielkonflikte.

Die Zielkonflikte der Transformation

Die gesellschaftlichen Ziele der sozial-ökologischen Transformation sind in Anbetracht der sich vor unseren Augen abspielenden Dramen und Verwerfungen von unschätzbarer Dringlichkeit. Doch welche Ziele dies genau sind und wie sie zu erreichen sind, haben wir gerade erst zu verhandeln begonnen.

Wie schaffen wir die Balance zwischen sozialem Ausgleich, ökologischer Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Tragfähigkeit?

Auf dem Weg zu unseren Zielen werden wir wohl häufig in matschigem Grau landen. Wenn wir beispielsweise unsere Energie vollständig aus regenerativen Quellen beziehen möchten, werden dafür Rohstoffe insbesondere aus dem globalen Süden benötigt, deren Abbau zurzeit in den meisten Fällen unter Arbeitsbedingungen stattfindet, die nicht mit unserem Begriff von Würde vereinbar sind. Darüber hinaus kommt es dabei zu massiven Eingriffen in die Natur; etliche Ökosysteme werden dauerhaft geschädigt.

Der Ausbau der Erneuerbaren bedeutet zudem eine weitere Verschärfung der bereits bestehenden Flächenkonkurrenz zwischen unterschiedlichen Nutzungsinteressen wie etwa Verkehr, Wohnen und Landwirtschaft.

Häufiger Verlierer dabei ist der Schutz der Natur. Wie lässt sich der Weg hin zu einer ökologischen Landwirtschaft mit dem Ziel der Bundesregierung in Einklang bringen, weitere zwei Prozent der Landesfläche für Windenergie bereitzustellen und weitere Photovoltaik-Freiflächenanlagen zu installieren? Wie schaffen wir bezahlbaren Wohnraum für eine wachsende Bevölkerung ohne weitere Flächen zu versiegeln? Wie erreichen wir eine nachhaltige Versorgung mit Holz in Einklang mit dem Aufbau von naturnahen Mischwäldern und Rückzugsräumen?

Zielkonflikte ermöglichen innovatives Denken

Die Abwägung von Zielen und Zielkonflikten eröffnet den Raum für Innovationen, die einen tatsächlichen Ausgleich von Interessen schaffen bzw. uns einem Ausgleich deutlich näher bringen können. Nur wer aktiv zuhört und hineinspürt, kann alle Zielkonflikte ausreichend würdigen, sie bestmöglich in die Lösungsfindung einbinden und dadurch verschiedenen Gruppen von Betroffenen nutzen.

Stimmen oder Bewertungen wie in dem erwähnten ZEIT-Artikel verengen den Blickwinkel auf vermeintlich unwesentliche Einzelfälle. Doch wir haben auf der Erde bereits zu viel gewütet, um uns derart zu Belangen von Umweltschützerinnen und Umweltschützern zu äußern.

Umdenken statt in alten Denkmustern zu verharren

Dort, wo nun alle den vermeintlichen Pfad der Tugend im Rahmen der Nachhaltigkeit zu finden behaupten, brauchen wir

  • eine ehrliche Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Konfliktlinien,
  • eine offene Begegnung und Diskussion zu Zielkonflikten und
  • damit auch den Beginn einer neuen Diskursmentalität hin zu mehr Dialektik, also hin zu der Fähigkeit, eigene Positionen durch gegensätzliche Behauptungen infrage stellen zu können und in der Synthese verschiedener Positionen einen Erkenntnisgewinn zu erzielen.

Solange wir aber in althergebrachten Denkmustern des Wachstums und des wirtschaftlichen Primats verharren, verlieren wir mitunter den Blick für das Wesentliche der Zielkonflikte.

Innovationen erreichen dann nicht das notwendige Potenzial der Balance zwischen sozialem Ausgleich, ökologischer Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Tragfähigkeit. Dies gilt auch für die Zielsteuerung und Berichterstattung in Unternehmen und Organisationen. Nur wer Ziele ehrlich setzt, hinterfragt und verbessert, kann die tatsächlichen Hürden ihrer Umsetzung verstehen und sie schrittweise überwinden. Genau diese Übung proaktiv anzugehen, kann eine neue Ehrlichkeit im Narrativ der Nachhaltigkeit ermöglichen.

Und ja: Selbstverständlich werden wir Güterabwägungen treffen müssen und dabei nicht allen gerecht werden können. Wir müssen scheitern dürfen und daraus lernen. Wir brauchen Mut, auch das Unperfekte zu wagen.

Fazit

Zielkonflikte werden uns immer wieder begegnen. Es nützt dabei wenig, legitime Interessen despektierlich zu delegitimieren. Vielmehr müssen wir uns konstruktiv an die Ursachen der Zielkonflikte wagen und uns trauen, den Ballast unseres bisherigen Denkens hinter uns zu lassen.

Was ist eure Meinung dazu? Schreibt mir gerne eure Meinung und Ansichten!

Dieser Beitrag ist zuerst in leicht abgewandelter Form als Kolumne auf www.dup-magazin.de erschienen.

Hier kannst Du weitere Blog-Artikel aus der Kolumnen-Reihe von Jan Köpper bei uns lesen:

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Kategorien Gesellschaft

Jan Köpper leitet die Stabsstelle Wirkungstransparenz & Nachhaltigkeit in der GLS Bank gemeinsam mit seiner Kollegin Dr. Laura Mervelskemper. Er ist für Konzeption und Umsetzung der gesellschaftlichen Wirkungsmessung sowie der Übersetzung von Nachhaltigkeitsrisiken zuständig. Zudem arbeitet er in der Stabsstelle an der Integration von Nachhaltigkeit und Wirkung in sämtliche Kunden- und Steuerungsprozesse der Bank.

  1. Matthias Losert

    Sehr geehrter Hr. Jan Köpper,

    der Zielkonflikt betrifft Finanz- und Gütermarkt: es sind zwei Wirklichkeiten; der eine ist menschengemacht und der andere naturgegeben.
    Da wir lediglich monetäre Transfers gewähren, spalten wir Ökonomie von Ökologie. … Unsere ökonomische Lehre begreift nicht einmal, dass wir kein Perpetuum Mobile haben und wir geophysikalisch mit Verlust wirtschaften.
    Geophysikalisches Wachstum ist ein dynamisch nichtlinear Vorgang n-ter Ordnung mit zig sich selbstverstärkenden Wirkungsabhängigkeiten.
    Es ist nicht so, dass wir geophysikalisches Wachstum vektoriell Abbilden und in Form von räumlichen Volumen darstellen können. Das summarische Ziel im Gütermarkt wäre mit der Gleichung „Grüne Null“ = 1- (k/n), wobei 0 < k < n gilt, beschreibar.
    Wir könnten auch den Finanzmarkt an den Gütermarkt durch eine Währungsdefinition binden. … Das ist keine Frage vom Können sonder Wollen.

  2. Arno Niesner

    Der beste Ort, in dem die angesprochenen Auseinandersetzungen zu führen sind, ist ein Parlament, in dem die erarbeiteten Kompromisse für anstehende Entscheidungen auch umgesetzt werden. Um Fairbesserungen gegenüber den Ergebnissen der herkömmlichen Parteiendemokratie zu erzielen, braucht es mehr Partizipation in den politischen Entscheidungsgremien. Dafür sollten wir uns einsetzen.

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