Gastbeitrag WattRad

Die Angst der Arbeitgeber vor Kostenersparnissen, Mitarbeiterfürsorge und dem Schutz von Klima und Umwelt. Erzählt am Beispiel Pflegedienste.

Ausgangssituation

Ich gebe es ja zu, die Überschrift dieses Artikels geht zu weit. Arbeitgeber haben keine Angst davor, Kosten einzusparen, ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern etwas Gutes zu tun oder sich für Klima- und Umweltschutz zu engagieren. Als Dienstleister und Anbieter für Elektromobilität kommt es uns aber im Rahmen der Firmenkundenakquise manchmal schon so vor, als wäre da so etwas wie die Furcht vor innovativen Ansätzen bei der Gestaltung der Firmenmobilität.

Wir haben in zahlreichen Gesprächen mit Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern aber gemerkt, dass es für Betriebe nicht immer leicht ist, auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit aktiv zu sein, wenn betriebswirtschaftliche und andere Zwänge bzw. Gegebenheiten dagegen stehen. Vor allem aber haben wir erkannt, dass es in diesem Bereich nicht allein über gute Produkte oder Konzepte geht, sondern vor allem Networking ein zentraler Bestandteil sein muss, wenn man vorrankommen will. Allerdings erfordert dieser Geschäftszweig gerade am Anfang einen erheblichen Ressourceneinsatz. Mit der GLS haben wir einen Partner, der uns dabei den Rücken gestärkt hat.

Zielgruppe: Mobile Pflegedienste im städtischen Raum

Um deutlich zu machen, wie schwierig Firmenakquise mitunter sein kann, möchte ich in diesem Beitrag auf das Themenfeld Mobile Pflegedienste im städtischen Raum zu sprechen kommen. Ein Bereich, den wir insgesamt als sehr wichtiges, aber eben auch als sehr steiniges Betätigungsfeld erachten.

Einerseits sind Pflegedienste in unserer älter werdenden Gesellschaft ein ganz wesentlicher Wirtschaftszweig, der künftig vermutlich noch mehr Bedeutung haben wird. Allein in Hamburg gibt es schon jetzt über 350 Pflegedienste, die es Menschen, die nicht mehr allein das Leben meistern können und auf Hilfe angewiesen sind, ermöglichen, weiterhin in ihrem vertrauten Wohnumfeld bleiben zu können. Damit erfüllen sie wichtige soziale Funktionen.

Auf der anderen Seite sind Pflegedienste aber auch von Verkehrsproblemen betroffen, die ihnen die Arbeit erschweren, verursachen aber auch selbst Verkehrsprobleme, die ihrerseits zu der schwierigen Gesamtverkehrssituation, insbesondere in Städten, beitragen. Zu den wichtigsten Problemen gehören das hohe Verkehrsaufkommen und Staus sowie der Parkplatzmangel.

Wir sehen insbesondere in Elektrofahrrädern eine große Chance, nicht nur die Arbeit von Pflegediensten zu erleichtern und den Pflegeberuf attraktiver zu machen, sondern auch ein Möglichkeit, um den Verkehr in der Stadt zu reduzieren und die Parkplatzsituation zu entspannen. Zu dieser Einschätzung kommen wir aufgrund der folgenden Eigenschaften von Elektrorädern:

  • Flexibler Einsatz im Stadtverkehr (keine Parkplatzsuche, Fahren auf Radwegen und durch Grünzüge, Unabhängigkeit vom Pkw-Verkehr)
  • Hohe Planbarkeit durch Unabhängigkeit vom Pkw-Verkehr (besonders im Berufsverkehr und bei unvorhersehbaren verkehrlichen Unzulänglichkeiten)
  • Zeitbedarf nicht höher als bei Pkw-Nutzung
  • Entspanntes unverschwitztes Ankommen beim Patienten
  • Weniger Platzbedarf beim Abstellen von Elektrorädern
  • Geringes Staupotenzial

Dadurch dass die Dienstwagenregelung seit 2012 auch auf Elektrofahrräder ausgeweitet wurde, besteht für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber mithin die Möglichkeit, diese Fahrzeuge zu leasen und sie ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zur privaten Nutzung zu überlassen. Für Arbeitgeber sind damit einerseits steuerliche Vorteile verbunden, andererseits können Sie ihre Attraktivität als Arbeitgeber steigern und nebenbei noch etwas für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter tun und damit zusätzlich von diesen Fahrzeugen profitieren.

Potenzial von Elektrorädern durch Feldtest nachgewiesen

Durch einen Feldtest, den wir zusammen mit einem Hamburger Pflegedienst durchgeführt haben, sehen wir unsere Einschätzung weitestgehend bestätigt. In diesem gemeinsamen Feldversuch ging es darum, festzustellen, ob es auch praktisch möglich ist, mit einem E-Bike, eine Pflegetour, die bislang mit einem Pkw (VW up!) zurücklegt wird, in einem angemessenen Zeitrahmen zu schaffen.

Eine Pflegetour zeichnet sich dadurch aus, dass immer mehrere Patienten nacheinander besucht werden. In unserem Fall waren es 10 Patienten, die auf einer Strecke von insgesamt ca. 20 km angefahren wurden. Dabei war kein Weg länger als 4 km, im Mittel waren es ca. 1,8 km.

Zwar hatten wir vermutet, dass die Strecke auch mit einem Elektrofahrrad gut zu bewältigen sein wird, dass das „Rennen“ aber so deutlich zugunsten des leicht motorisierten Zweirades ausgehen würde, damit hatten wir nicht gerechnet. Wenn der E-Biker mal später am Bestimmungsort ankam, dann nur mit Verzögerungen von weniger als zwei Minuten. Meist waren der Pkw und das E-Rad zeitgleich am Ziel bzw. war letzteres sogar schneller. Durch die elektrische Unterstützung war es sehr gut möglich, trotz der relativ hohen Fahrgeschwindigkeit von 26 km/h, ohne zu schwitzen und entspannt an den jeweiligen Zielen anzukommen. Das deutlichste Argument für den Einsatz von Elektrofahrrädern ist der direkte Kostenvergleich zwischen den beiden verwendeten Verkehrsmitteln.

Die Fahrt mit dem E-Bike hat 2 von 5 Strichen auf der Anzeige verbraucht, was etwa 0.16 kW/h entspricht, ein Benzinäquivalent von 0.03Liter. Kostentechnisch bedeutet das, dass die 20 km-Tour ca. 5 Cent gekostet hat. Je km sind das 0,25 Cent. Pro Woche sind das für diese Tour 0,35 €, pro Monat 1,40 € und auf das Jahr gerechnet 16,80 € Stromkosten. Hingegen verbrauchte der VW up! bei angenommenen 5 l/100 km ca. 1 l Benzin (bei 1,60 €/Liter) pro Woche 11,20 €, pro Monat 44,80 € und auf das Jahr gerechnet 537,60 €. Damit liegen die Kraftstoffkosten des Pkw um 520,80 € höher als beim Elektrorad. Oder anders gesagt: Der Betrieb des Autos verursacht 3200% höhere Energiekosten!

Jährliche Kosten EBIKE und VW Up im Vergleich*

Kostenvergleich E-Bike vs VW Up

*  Dem Schaubild Jährliche Kosten EBIKE und VW Up im Vergleich liegen folgende Werte zugrunde:
E-Bike: 0,0025 €/km Energiekosten; 30 €/Monat Versicherungskosten; 102,80 € monatliche Leasing-Rate für ein EBIKE C 002 (36 Monaten Laufzeit bei Vollabschreibung)
VW Up: Verbrauch 5l/100 km; 1,60 €/l Benzin; 114 €/m Versicherungskosten; Leasing-Rate (angenommen) 160 €/m

Nach weniger als 6 Jahren hätte sich das Fahrrad also allein über Kraftstoffeinsparung, die für die getestete Route ermittelt wurden, amortisiert. Setzt man für den VW up! hingegen die realistischen monatl. Betriebskosten von 207.- € an (Quelle: http://www.autokostencheck.de/VW/VW-UP/UP/vw-up!-1-0-75-ps-aa_36270.html) sollte sich ein Elektrofahrrad sogar nach etwa 12-15 Monaten amortisiert haben. Insgesamt ist der Kostenaufwand eines eingesetzten E-Bikes etwa nur noch bei 30-40% im Verhältnis zum Pkw.

Zurückhaltung trotz nachgewiesenem Nutzen

Trotz aller positiven Ergebnisse, die wir im Rahmen eines Feldtests erbringen konnten, besteht in dieser Branche eine erhebliche Zurückhaltung gegenüber dem Thema Elektrofahrräder. Das lässt sich nicht nur mit dem geringen Respons auf unsere Kontaktanfragen belegen. Selbst die Verbände reagieren nur zögerlich auf unsere Anfragen, und die Dienstleister selbst zeigen oft gar kein Interesse.

Ein Gespräch mit dem Verantwortlichen eines Pflegedienstes hat ergeben, dass insbesondere bei den unzureichenden Abstellmöglichkeiten erhebliche Bedenken wegen der Diebstahlgefahr bestehen und man entsprechende Lösungen in Absprache mit der Stadt für eher utopisch hält. Die Möglichkeit, das Diebstahlrisiko dadurch zu minimieren, dass man die Fahrzeuge mittels Gehaltsumwandlung den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zum privaten Gebrauch überlässt, wurde mit steuerlichen Bedenken abgewehrt. Da nützt es auch nichts, dass die zunehmende Führerscheinlosigkeit in den Städten, die auch Auswirkungen auf die Personalstruktur der Pflegedienste hat sowie die zunehmende Stellplatzproblematik, die wiederum mit höheren Kosten durch falsches Parken verbunden sind, von den Pflegediensten als Problem erkannt werden.

Insgesamt konnten wir vier Hindernisse ausmachen, die uns die Akquise von Pflegediensten erheblich erschweren:

  • Mangelndes Problembewusstsein
  • Informationsdefizite hinsichtlich der Integration, Finanzierung und Besteuerung von E-Fahrrädern
  • Geringer Handlungsdruck
  • Unzureichende Abstellmöglichkeiten auf öffentlichen und privaten Flächen

Unser Handlungsansatz

Wir sind der Auffassung, dass ein verstärkter Umstieg vom Pkw aufs Elektrofahrrad nicht nur den Pflegediensten nützen kann, sondern der Stadt insgesamt. Wir können und wollen aber niemanden zu etwas zwingen, was wir als Glück erachten würden. Wo keine Probleme gesehen werden, können wir sie nicht herbeireden. Wo keine Informationen gewünscht werden, können wir sie nicht geben.

Dennoch haben wir Anzeichen dafür, dass ein Wunsch zur Änderung der Mobilitätsausübung bei Pflegediensten durchaus vorhanden ist, durch innere und äußere Zwänge aber nicht erfüllt werden kann. Als kleiner Mobilitätsdienstleister ist es für uns an dieser Stelle aber relativ schwer, durchzudringen, da wir derzeit noch nicht genügend Beziehungen haben und auf der Seite unserer Zielgruppe, die Bereitschaft uns zuzuhören, entweder nicht besonders ausgeprägt ist oder eine Überforderung im Hinblick auf unser Anliegen festzustellen ist.

Unser Ansatz ist es nun, durch die Zusammenarbeit mit Kammern, Behörden und der Politik, unser Moment zur Durchdringung in diesem Feld zu erhöhen. Vielleicht können wir es erreichen, dass die Stadt ein Programm zur Förderung von E-Mobilität bei Pflegediensten aufstellt. Dabei müssten noch nicht einmal große Geldsummen fließen. Für den Anfang würde es schon reichen, den Pflegebereich als wichtiges Themenfeld im Bemühen um Elektromobilität zu definieren und bspw. Konzepte oder Verordnungen zur erleichterten Umsetzung sicherer Abstellanlagen im öffentlichen Raum zu erstellen resp. zu erlassen.

Man könnte dieses Vorgehen als Lobbyarbeit bezeichnen. Auch diese bindet Arbeitszeit und Personal und damit eben auch Geld. Ohne Investitionen in dieses Feld, sehen wir aber keine Möglichkeit unsere Anliegen dieser Zielgruppe nahezubringen.

Dipl.-Ing. Thomas Prill
(WattRad)

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