Landwirtschaft: Resilientes Ernährungssystem ist möglich

Landwirtschaft: Resilientes Ernährungssystem ist möglich

Die Ukraine zählt zu den weltgrößten Produzenten von Weizen, Mais und Ölsaaten. Der russische Angriff auf die Ukraine hat drastische Auswirkungen: Der Krieg bedroht die Landwirtschaft des Landes und somit auch die Welternährung – vor allem in Ländern des globalen Südens, die stark auf Importe aus der Ukraine angewiesen sind. Dies zeigt deutlich die Schwachstellen unseres aktuellen Ernährungssystems. Und es zeigt, wie notwendig Veränderung ist: hin zu einer krisensicheren, resilienten Land- und Ernährungswirtschaft, die Mensch, Tier und Umwelt langfristig schützt.

Schon in den letzten zwei Jahren hat die Covid-19-Pandemie den Hunger in den ärmsten Regionen der Welt verschärft. Die nun aus dem Krieg resultierenden Nahrungsengpässe und steigenden Lebensmittelpreise sind lebensbedrohlich für Millionen von Menschen im globalen Süden.

Dennoch wird die Notlage in der Ukraine von der Agrarindustrie ausgenutzt, um ein rückläufiges Geschäftsmodell zu verteidigen, das auf Massenproduktion, umweltschädlichen chemisch-synthetischen Pestiziden und künstlichen Düngemitteln basiert.

Druck der Agrarlobby wächst

Mit industriefinanzierten Studien wird die Angst um die Ernährungssicherheit geschürt und Druck auf die Politik ausgeübt, um die Ökologisierung der Landwirtschaft zu verhindern. Das zeigt eine aktuelle Studie von Corporate Europe Observatory, die die Lobbyarbeit der Pestizidindustrie in der EU gegen die europäische Farm-to-Fork-Strategie analysiert.

Die Farm-to-Fork Strategie (Teil des europäischen Green Deals) ist ein Zehn-Jahres-Plan der EU-Kommission, mit dem Anliegen, eine europaweite Entwicklung hin zu einem fairen, gesunden und umweltfreundlichen Lebensmittelsystem zu fördern. Unter anderem sieht die Farm-to-Fork-Strategie vor, den Einsatz und das Risiko von chemisch-synthetischen Pestiziden um 50 Prozent bis 2030 zu verringern.

Dabei ist gerade die industrielle Landwirtschaft das Problem. Sie nutzt auf Kosten von Klima, Biodiversität und Umwelt einen großen Teil der Getreideernten zur Verfütterung an Tiere, statt sie als Nahrung für Menschen zur Verfügung zu stellen.

Der Krieg in der Ukraine und die Klimakrise zeigen deutlich, dass eine agrar-ökologische Transformation der Landwirtschaft längst überfällig ist. Denn dass ein resilientes und nachhaltiges Ernährungssystem möglich ist, beweisen heute schon über drei Millionen Bio-Bäuer*innen weltweit.

Politik lässt Agrarwende schleifen

Auch seitens der Politik wurden Stimmen laut, die EU-Nachhaltigkeitsziele aufgrund des Krieges in Frage zu stellen oder aufzuschieben, als wäre Umweltschutz etwas, das man sich lediglich in guten Zeiten leisten kann.

In einem Maßnahmenplan zur Gewährleistung der Ernährungssicherheit schlug die EU-Kommission die uneingeschränkte Freigabe von Öko-Vorrangflächen für den Lebensmittelanbau vor. Dies würde auch den Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden auf diesen Flächen ermöglichen, die eigentlich der Förderung von Biodiversität und Umwelt dienen sollen.

Grundsätzlich sind landwirtschaftliche Betriebe mit mehr als 15 Hektar Ackerland laut GAP (Gemeinsame Agrarpolitik der EU) verpflichtet, fünf Prozent ihrer Ackerflächen im Umweltinteresse zu nutzen. Diese Flächen werden als Öko-Vorrangflächen bezeichnet.

Pestizide auf Öko-Vorrangflächen

Zwar lehnt Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir den Einsatz von Pestiziden auf Öko-Vorrangflächen ab. Er kündigte an, in Deutschland nur die Erlaubnis zur Futtermittelnutzung auf diesen Flächen zu erteilen, also die Beweidung oder Schnittnutzung für Futterzwecke. Andere Länder wie Spanien, Polen und Ungarn jedoch wollen die geplanten Maßnahmen voll ausnutzen und auch den intensiven landwirtschaftlichen Anbau auf diesen Flächen erlauben.

Dies wäre nicht nur kurzsichtig, sondern würde die Situation noch verschlimmern. Denn durch die Nutzung der Vorrangflächen würde nur wenig Produktionsfläche gewonnen. Die Auswirkungen auf die Biodiversität aber wären erheblich, da diese Flächen schon jetzt nicht ansatzweise ausreichen, um genug Rückzugsorte für Artenvielfalt zu schaffen.

Droht eine Verwässerung der Farm-to-Fork-Strategie?

Anfang März erklärte EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski, er wolle die Ziele der Farm-to-Fork-Strategie und der Biodiversitätsstrategie aufgrund des Kriegs erneut auf den Prüfstand stellen. In einem gemeinsamen Offenen Brief mit über 85 Organisationen aus ganz Europa sprach sich das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft (BEL) gegen eine Verwässerung der Farm-to-Fork-Strategie aus.

Zwar betont die EU-Kommission mittlerweile, am Green Deal und den Zielen beider Strategien festhalten zu wollen, verschob jedoch mit der “Verordnung zur nachhaltigen Verwendung von Pestiziden” am 23. März 2022 die Veröffentlichung eines wichtigen Gesetzesentwurfs zur Umsetzung dieser Ziele. Darin hätten die Forderungen der Farm-to-Fork-Strategie, den Pestizideinsatz bis 2030 um 50 Prozent zu reduzieren, rechtlich verankert werden sollen.

Hin zu einem resilienten Ernährungssystem

Eine Verwässerung der EU-Nachhaltigkeitsziele zum Zweck der Produktionssteigerung wäre kurzsichtig und der falsche Weg. Die Politik muss einsehen, dass Umweltschutz kein Luxus ist, sondern eine Notwendigkeit.

Die Artenvielfalt leidet an den Folgen chemisch-synthetischer Pestizide, insbesondere die für die Landwirtschaft notwendigen Nützlinge und Bestäuber. Ackergifte gefährden das Bodenleben und die Bodenfruchtbarkeit in katastrophalem Ausmaß. Trinkwasser muss von Schadstoffen aus der Landwirtschaft gereinigt werden und selbst die Luft zum Atmen ist mit chemisch-synthetischen Pestiziden belastet, wie die Studie zur Pestizidbelastung der Luft zeigt.

Um die Ernährungssicherheit der nachfolgenden Generationen zu sichern und unsere Landwirtschaft zukunftsfähig und krisensicher zu gestalten, brauchen wir dringend eine Abkehr von einem System, das von fossilen Rohstoffen zur Produktion von Ackergiften und Dünger abhängt, und stattdessen eine Transformation hin zu einer enkeltauglichen, ökologischen Landwirtschaft.

Statt auf Umweltschutz zu verzichten und die kurzfristige Ertragssteigerung und Abhängigkeit durch umweltschädliche chemisch-synthetische Pestizide weiter anzukurbeln, sollte die EU das geerntete Getreide lieber dort nutzen, wo es wirklich gebraucht wird: auf dem Teller statt im Trog.

Zudem landen laut eines aktuellen Berichts des WWF weltweit rund 347 Millionen Tonnen Getreide und rund 50 Millionen Tonnen Ölsaaten und Hülsenfrüchte pro Jahr im Müll. Eine Eindämmung dieser gigantischen Lebensmittelverschwendung könnte die angebliche und vielzitierte Notwendigkeit, Ernteerträge steigern zu müssen, überflüssig machen.

Wir brauchen jetzt aktives Handeln bei der Umstellung zu einer enkeltauglichen Landwirtschaft, um zu einem resilienten, zukunftsfähigen Ernährungssystem zu kommen. Sofortmaßnahmen sind eine Reduzierung von Tierbeständen und Fleischproduktion, die Förderung von pflanzlichen Alternativen, eine Eindämmung der Lebensmittelverschwendung und die Reduktion chemisch-synthetischer Pestizide. Das geht nur, wenn alle an einem Strang ziehen: Politik, Industrie, Landwirt*innen und Verbraucher*innen.

Dieser Text von Alisa Hufsky ist am 2. Mai 2022 in leicht abgewandelter Form unter dem Titel “Ökologische Transformation der Landwirtschaft jetzt dringender denn je!” im Blog des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft erschienen. Wir bedanken uns, dass wir ihn auch in unserem GLS Blog veröffentlichen können.

 

Ihr möchtet helfen?

Nothilfe Ukraine Ökolandbau

Die Zukunftsstiftung Landwirtschaft der GLS Treuhand setzt sich für den Ökolandbau in der Ukraine ein. Die Lage für ca. 400 Höfe mit 500.000 Hektar Fläche ist schwierig. Auf den ukrainischen Höfen sind viele Flüchtlinge angekommen, die versorgt werden müssen. Für die Traktoren mangelt es jedoch an Diesel und auch das Saatgut fehlt. Jede Hilfe in Form einer Spende ist willkommen. Die Stiftung hat durch das Projekt „Deutsch-Ukrainische Kooperation Ökolandbau“ einen direkten und vertrauenswürdigen Kontakt zur Biolandbau-Bewegung in der Ukraine.

 

Landwirtschaft braucht einen Systemwandel

 

  1. Petra Schneider

    Durch die steigenden Preise für fossile Brennstoffe werden Lebensmittel teuer. Ökologisch angebaute Lebensmittel sollten davon weniger betroffen sein, da regional angebaut, d.h. weniger Energie für Transport, und es werden keine energieintensiv hergestellten Düngemittel verwendet. Es wäre gut, wenn die Vertreter des ökologischen Landbaus und die GLS die Preisentwicklung von Öko versus Konventionell untersuchen. Und die geringere Preissteigerung offensiv veröffentlichen – damit kann ein Gegengewicht geschaffen werden gegen die industrielle Landwirtschaft. Auch für die Verbraucher ist dies ein gutes Argument für den Kauf von ökologisch angebauten Lebensmitteln.

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