Der Wirtschaftsteil :: kompakt Nr. 318 - Arbeit und Freizeit

Der Wirtschaftsteil :: kompakt Nr. 318 – Arbeit und Freizeit

Der Wirtschaftsteil :: kompakt Nr. 318 - Arbeit und Freizeit
Das Buch “Bullshit-Jobs” von David Graeber werden viele gelesen haben, noch mehr haben es zumindest in den Buchhandlungen wahrgenommen. Es verkaufte sich prächtig, es wurde auch recht positiv rezensiert, teils sogar in Wirtschaftszeitungen. Das ist ganz amüsant, denn
Graeber vertritt anarchistische Positionen, und diese Zuschreibung kommt auf Wirtschaftsseiten nun wirklich eher selten vor. Der Erfolg des Buches wird auch daran liegen, dass wir alle, die Verallgemeinerung wird in weiten Teilen zulässig sein, so gerne bereit sind, am Sinn unserer Jobs und unserer Tätigkeiten zu zweifeln. Liegen wir da richtig?

Wenn Sie das Buch nicht gelesen haben, hier eine Zusammenfassung einiger Kerngedanken: “Im Jahr 1930 sagte John Maynard Keynes voraus, dass zum Ende des Jahrhunderts der technologische Fortschritt es Ländern wie Großbritannien oder den Vereinigten Staaten ermöglichen würde, eine 15-Stunden-Woche einzuführen. Es gibt viele Gründe, dies als zutreffend anzunehmen. Aus technologischer Sicht sind wir dazu imstande. Und doch ist es nie eingetroffen. Stattdessen wurden technische Möglichkeiten genutzt, um Wege zu finden, uns alle noch mehr arbeiten zu lassen.

Bei der Zeit gibt es einen älteren Text, der passt sehr gut dahinter. Da wird die Fülle an wie auch immer sinnvoller Arbeit von der anderen Seite her betrachtet, da geht es um die Frage, wieso wir eigentlich nicht mehr schlafen, mehr faulenzen, mehr nichts tun. Eine Frage, die für manche so schon ketzerisch klingt. “Wir streben insgeheim nach Faulheit – und preisen lautstark die Arbeit. Wer benutzt schon freiwillig ein Waschbrett, wenn er eine Waschmaschine hat? Dennoch glorifizieren wir Fleiß und Schweiß, und glauben Managern und Politikern, wenn sie uns die Mär von Wachstum, Wettbewerb und Standortsicherheit eintrichtern. Das ähnelt dem Stockholm-Syndrom, bei dem die Opfer von Geiselnahmen nach und nach ein positives Verhältnis zu ihren Peinigern aufbauen.”

Noch ein Statement, und da reicht schon ein ganz kurzes Zitat, man könnte es abendfüllend diskutieren: “Müdigkeit ist neoliberale Begleiterscheinung, ja, Müdigkeit ist neoliberales Kalkül.”

Oder hier (gefunden via Kaltmamsell), nehmen wir diese Sätze: “Früher musste man die Menschen in die Fabriken hineinknüppeln. “Heute muss man sie aus den Betrieben und Büros herausprügeln. So sehr haben sie ihre abhängige Erwerbsarbeit als sinnstiftend, unabdingbar und naturnotwendig akzeptiert.

Aber was macht man mit all diesen Gedanken? Vielleicht erst einmal eine Kaffeepause, das kann so falsch nicht sein.

Der Wirtschaftsteil „kompakt“ ist eine Kolumne aus kuratierten Beiträgen der Wirtschaftsgazetten und Blogs von Maximilian Buddenbohm heute zu Arbeit und Freizeit.

Foto: rawpixel on Unsplash

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  2. Hans-Florian Hoyer

    Das Thema ist beliebig komplex. Aber gleichgültig, wo man beginnt, gleichgültig, welche Denkserpentinen man betritt — letztendlich stellt sich die Sinnfrage: Was ist der Sinn des Menschen auf diesem Planeten? Arbeiten, um sich zu verwirklichen? Arbeiten, um sich in der Freizeit zu verwirlichen? Und „Geld“ ist dabei die große Denkbremse. Wenn wir Geld (in Aussicht gestellt) bekommen, denken wir in der Regel nicht weiter. Wenn Gelderwerbsarbeitsplätze in Gefahr sind, bekommen wir Angst.
    Wir sehen uns als Selbstversorger in Sachen Geld — und werden in dem Glauben gehalten und haben uns darin eingerichtet.
    Dabei sind wir in der arbeitsteiligen Gesellschaft fremdversorgende Fremdversorgte. Wie Götz Werner sagt: Miteinander füreinander Wirtschaftende.
    Wir setzen unsere Fähigkeiten in Unternehmen koordiniert für die Bedürfnisse anderer ein. Die Unternehmen ermöglichen dies, indem sie uns den Teilhabeschein am Sozialprodukt (Geld) aushändigen. Ob der Input des Unternehmens in die Gesellschaft sinnvoll, nachhaltig ist, wird kaum kontrolliert. Ob die Höhe der Teilhabeberechtigung angemessen ist, wird von Gewerkschaften und Mindestlohngesetzen beäugt.
    Wir glauben, der Wettbewerb regelt es, aber der regelt nur die Teilhabeberechtigungen runter.
    Es wird Zeit, einmal gründlich über die arbeitsteilige Ausrichtung der Gesellschaft und die logischen Folgerungen in einen Diskurs zu kommen — wie z.B. beim Grundeinkommen.
    Und — nicht vergessen, der Sinn: Neben dem Sozialprodukt als Boden für die Existenz gibt es noch eine gemeinsam gepflegte, freie Kultur als der zweite Boden für die Selbstverwirklichung, Selbstentfaltung, die spirituelle Dimension des Individuums.

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