Reisebericht aus Indien: Land der Widersprüche (Teil 1)

Von Mitte Januar bis Mitte Februar 2013 reiste Dr. Annette Massmann, Vorstandsmitglied der GLS Treuhand und Geschäftsführerin der Zukunftsstiftung Entwicklungshilfe, durch Südindien und besuchte Partner der Zukunftsstiftung. In ihrem Reisebericht beschreibt sie Momentaufnahmen ihrer Reise und stellt engagierte Menschen mit ihren Zukunftsperspektiven vor.   

Indien ist der boomende Subkontinent. In den vergangenen Jahren lagen die Wachstumsratenzwischen 5,7 bis 7,5 % betrugen. Neue, vermögende Schichten bilden sich heraus, Branchen wie das Bauwesen, Computer- und Software, Pharmazie oder die Filmindustrie boomen – und die häufig verschuldete, armselig lebende Mehrheit hält still.
Während in den Städten gläserne Hochhäuser und große Highways gebaut werden, leben keine drei Kilometer entfernt Menschen in Dörfern, die aus dem vergangenen Jahrhundert scheinen, ihre Hütten gedeckt mit Palmenblättern, ohne Einkommen, fließendes Wasser und Toiletten. Wie stellen sich die Menschen diesen Widersprüchen?

Dorfentwicklung mit WARM

In den Dörfern rund um Thiruvannamalai, nicht weit von der Computermetropole Chennai entfernt, arbeitet unsere Partnerorganisation Welfare Association for the Rural Mass, WARM, geleitet von Herrn Rajavelu. Er kommt aus einer Familie so genannter Kastenloser, Unberührbarer (Dalit). Da er der erstgeborene Sohn war, sorgten alle Familienmitglieder dafür, dass er eine Mittelschule besuchen und im Anschluss eine Ausbildung als Sozialarbeiter machen konnte. 2001 begegnete er Frau Shanti, gerade verwitwet. Sie wollte die kleine Dorfentwicklungsorganisation ihres Mannes nicht an ihren Schwager verlieren und setzte Herrn Rajavelu als Direktor ein.

Heute ist WARM eine blühende Organisation, die unter anderem 1.620 Frauenselbsthilfegruppen weiterbildet und dreizehn Zufluchts- und Schulungsorte für Straßen- und arbeitende Kinder betreibt.

Mikrokredite und Bildung für Frauen

Die Frauen schließen sich in Gruppen zu fünfzehn bis zwanzig zusammen. Lesen, Schreiben, Rechnen, einfache Buchführung sind die ersten Schritte der Weiterbildung – ganz praktisch entlang der Themen, die sich im Alltagsleben ergeben oder im Zusammenhang mit dem Sparen und den Mikrokrediten, mit denen die Frauen sich ihre Zukunft erarbeiten werden.  Etwa ein bis zwei Jahre lang treffen sie sich wöchentlich und werden von den Mitarbeitern von WARM geschult, bevor sie den ersten Mikrokredit erhalten. Gleichzeitig wird analysiert, welche Geschäftsidee eine Chance in ihrem jeweiligen Dorf haben könnte. Die Frauen werden auf diese Tätigkeit vorbereitet.

Im Gespräch mit den Frauen wird mir immer wieder erzählt, dass sie trotz des Widerstands ihrer Männer an den ersten Treffen teilgenommen haben. Meist legte sich der Widerstand der Männer, wenn die Frauen ihre Geschäftsidee dank des Mikrokredits verwirklichten und so zum Familieneinkommen beitragen konnten. Die Frauen eröffnen zum Beispiel kleine Läden (höchstens zwei pro Dorf) oder eine Schneiderei.  Der Handel mit Armreifen und Ketten, die Zucht und Haltung von bis zu drei Kühen oder Ziegen, der Anbau von Erdnüssen, Chilis, Sonnenblumen, auch die Produktion von Zement- und Ziegelsteinen sind beliebte Aktivitäten. 10.000 Rupien, also umgerechnet 143 Euro, beträgt ein Mikrokredit. Die Rückzahlungsquote liegt bei über 90%.

Gemeinschaft

Auf meine wiederholte Frage, was ihnen die Selbsthilfegruppen bringen, schallt mir überall „unity“, Einigkeit und Gemeinschaft, entgegen. Die Frauen helfen sich wechselseitig und beginnen, Rechte für ihre Dörfer einzufordern. So stoppten Selbsthilfegruppen in verschiedenen Dörfern korrupte Regierungsbeamte beim Verkauf von subventioniertem Reis auf dem Schwarzmarkt. In einem Dorf erreichten sie, dass die Regierung des Bundesstaates Tamil Nadu den Bau von zwanzig Häusern finanzierte, in einem anderen Dorf waren es 43 Häuser. Sie leihen sich kein Geld mehr bei Geldverleihern, die sie mit Wucherzinsen in aussichtslose Schuldenfallen treiben.
Und dank der Gemeinschaftsbildung erreichen es die Frauen, gegen die Mitgift bei der Eheschließung anzugehen. Diese Mitgift-Gabe stürzt hunderttausende Familien in nicht rückzahlbare Schulden. Es ist einer der Hauptgründe für Schwangerschaftsabbrüche sobald Frauen erfahren, dass ihre ungebo¬renen Kinder Mädchen sind. Eine alltägliche Praxis in Tamil Nadu.

Es ist diese Mischung aus Begegnung, Weiterbildung, Finanzhilfe und Gemeinschaftsbildung, die die Grundlage dörflicher Entwicklung bietet. Und es braucht Menschen wie den Leiter von WARM, Herrn Rajavelu, die diese Arbeit als ihre Berufung sehen und unermüdlich im Einsatz sind.

Straßenkinder und arbeitende Kinder im Fokus

In einigen der Dörfer, in denen die Frauengruppen aktiv sind, baute WARM dreizehn Lern- und Zufluchtsorte für arbeitende Kinder und non-formale Schulbildung auf. Es sind Orte, in denen die Kinder spielen und lernen können. Sie erhalten Unterstützung von einem Sozialarbeiter in Auseinandersetzung mit ihren so genannten Besitzern. Diese sind zumeist Unternehmer, die die Kinder ihren Eltern abgekauft haben, zumeist aufgrund vorausgehender Verschuldung.  In den Lernorten können die Kinder nachmittags auf der Grundlage eines von der Regierung anerkannten Curriculums die Grundschulbildung nachholen. Immer wieder verweisen die Lehrerinnen stolz auf die Kinder ihres Zentrums, die inzwischen eine weiterführende Schule besuchen.

Die Arbeit mit Kindern geht mit der der Frauengruppen Hand in Hand. Sind die Mütter von der Notwendigkeit der Bildung überzeugt, schicken sie ihre Kinder zum Lernort. Die jüngeren Kinder einer Familie werden in der Folge auch in eine staatliche Schule geschickt und nicht zu Säh- oder Ernteeinsatz über Wochen zu Hause gehalten. Herr Rajavelu ist zu Recht stolz auf die Zentren. Sein größter Erfolg war, dass er im letzten Jahr ein Zentrum schließen konnte. In dem Ort gab es keine arbeitenden Kinder mehr.

Zum Abschied ein Spalier aus Rosen

Es ist die Dankbarkeit, die mir von geförderten Menschen entgegengebracht wird, die mir steter Ansporn in meiner Arbeit sind. Am Tag meines Abschieds von WARM lief ich durch ein Spalier von über hundert Menschen, die mir jeweils eine Rose überreichten – auch ein Symbol für die Menschen, die diese Arbeit ermöglichen.

Spenden helfen

Die Kosten für die Betreuung eines Kinders im Lernzentrum betragen 19 Euro pro Monat. Mit Euren Spenden könnt Ihr die Projekte unterstützen.

Einfach online spenden, Spendenzweck: Indien Mikrokredite oder Spendenzweck: Indien Arbei­tende Kinder

Mehr Infos

Zukunftsstiftung Entwicklungshilfe

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2 Antworten zu „Reisebericht aus Indien: Land der Widersprüche (Teil 1)“

  1. […] gegenüber. Es sind die Menschen  wie Frau Sumathy und Herr Rajavelu (vorgestellt in Teil1 des Reiseberichts), die für dieses kulturell reiche, boomende und widersprüchliche Land, das vor ungeheuren […]

  2. Avatar von Garuda Wördemann

    |

    Ich wünsche euch viel Erfolg bei der Unterstützung des Herrn Rajavelu in Indien und hoffe, dass er ein vegetarisch lebender, Frieden für die ganze Welt wünschender, glücklicher und zufriedener Mensch ist.
    Geben ist seliger als Nehmen.
    Alles ist Liebe.
    Garuda
    Om Namo Narayanaya

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