Lust auf Stadtleben – aber bitte mit prima Klima!

Ich bin ein Stadtkind. Durch und durch. Ich bin in einer Stadt geboren und aufgewachsen. Und auch als erwachsene Frau habe ich mich dazu entschieden, weiterhin in einer Stadt zu leben. Ich genieße das urbane Leben. Mit all seinen Facetten. Und mit mir ungefähr die Hälfte der Weltbevölkerung. Bis zum Jahr 2050 werden weitere 2,5 Milliarden Menschen in Städten leben – das sind zwei Drittel der Weltbevölkerung – so lautet die Prognose der Vereinten Nationen.

Welche sozialen und ökologischen Auswirkungen hat das rasante Städtewachstum? Und welche alternativen Lebens- und Wohnformen braucht es in Zukunft, damit wir uns in immer dichter werdenden Innenstädten noch wohl fühlen?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, nehme ich euch auf einen „Stadtrundgang“ mit.

„Städte machen uns reicher, klüger, grüner, gesünder und glücklicher“

behauptet der Ökonom und Harvard-Professor Edward Glaeser in seinem Buch „Triumph of the City“.

So sehr ich das Stadtleben auch genieße, halte ich mich ebenfalls gerne in der Natur auf. Als Kind habe ich häufig Urlaub in der Eifel gemacht. Oftmals bin ich ausgebüxt und allein durch den Wald gezogen. Hin zur Schlucht und zurück. Meine Erinnerungen an den Wald sind nach wie vor wundervoll. Und auch heute noch verleiht mir ein Waldspaziergang Kraft und Ruhe. Am liebsten wäre mir also eine Symbiose aus beiden Welten. Oder zumindest, dass ich sowohl als auch genießen kann. Beides soll und muss also unbedingt erhalten bleiben.

Dann lese ich wieder bei Edward Glaser:

„Wer die Natur liebt, sollte ihr fernbleiben. Die beste Weise, die Umwelt zu schützen, ist, im Herzen der Stadt zu leben.“

Wie jetzt? Lediglich provokante Thesen? Vielleicht. Finde ich aber spannend und macht mich hellhörig. So sehr, dass ich auf Faktencheck gehe.

Stadtlust

Was verleitet also die Mehrheit der Menschen dazu, in einer Stadt zu leben? Liegt es daran, dass die meisten von uns es einfach gewohnt sind? Verherrlichen wir das Stadtleben? Wie dem auch sei. Die Zahlen zeigen, dass wir uns im Zeitalter der Urbanisierung befinden. Und somit ist Stadt auch Heimat für uns.

„…dort, wo sie spielen, lernen, arbeiten und lieben“
– Ottawa-Charta 1986 zur Gesundheitsförderung –

Städte bieten diverse, schier unendliche Möglichkeiten in allen Bereichen. Die Freizeitgestaltung lässt keine Wünsche offen. Ob Kunst und Kultur, Sport, Spiritualität, für jeden Geschmack ist etwas dabei. Und im Nachtleben, in den Bars, Clubs, Restaurants, kann man sich sowieso verlieren – wenn man will. Aber auch beschauliche Grünflächen und stille Oasen der Ruhe finden sich in jeder Stadt.

Nicht zu vergessen die in der Stadt vorhandenen Arbeitsplätze, welche nach Schätzungen der Vereinten Nationen weltweit über 80 Prozent des Bruttosozialprodukts generieren. Medizinische Betreuung, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten – sind grundsätzlich flächendeckend in der Stadt vorhanden. Die vorhandene soziale Vielfalt in der unmittelbaren Umgebung ist für viele Menschen, genauso wie für mich, ein Lebenselixier.

Und das Beste: All das können wir oft fußläufig oder sehr gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen. Oder auch mit dem Fahrrad. Studien* des Instituts für Mobilitätsforschung belegen, dass zumindest bei jungen Erwachsenen in den Städten das Auto als Statussymbol ausgedient hat. Nun gehöre ich nicht mehr zu den ganz Jungen. Aber kann dies gleichwohl persönlich sehr wohl bestätigen. Ich kenne einige Menschen, die gar kein eigenes Auto mehr besitzen. Einen Zweitwagen somit sowieso nicht. Wenn sie mal einen Wagen benötigen, dann gerne Carsharing. Und machen wir uns nichts vor, soweit wir Großstadtpflanzen doch noch ein Auto unser Eigen nennen, verdient es oft den Zusatz „mobil“ gar nicht mehr, da es bei vielen mehr steht als fährt. Geht meinem Vehikel übrigens ebenso.

Unter anderem wegen dieser „Fußläufigkeit“ behauptet Eward Glaeser „Stadtmenschen würden 40 Prozent weniger Energie verbrauchen als Menschen, die auf dem Land wohnen“. Und „Aber auch die Häuser verbrauchen mehr CO2 auf dem Land. Meist einfach deshalb, weil mehr Leute dort in Einfamilien- statt in Mehrfamilien- oder Reihenhäusern wohnen. Mehr Platz für sich zu haben ist ja für viele der Hauptgrund, überhaupt aufs Land zu ziehen. Deshalb verbrauchen sie aber auch mehr Energie: Allein der Stromverbrauch der ländlichen Haushalte in den USA ist im Durchschnitt um 88 Prozent höher als der von städtischen Haushalten.“ (Quelle: fluter – Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung)

Vergleichsstudien zwischen Stadt und Land, wie die von Glaeser, sind für Deutschland nicht zu finden.

Auch sollen wir Urbaner gesünder und sportlich aktiver sein als Menschen vom Land. Wissenschaftler der Universitäten Oxford und Hong Kong haben nämlich herausgefunden, dass wir Großstadtmenschen deutlich weniger fettleibiger sein sollen. Chinmoy Sarkar, einer der Studienautoren, sagt dazu:

„Je dichter bebaut Städte werden, desto besser kann man Strecken zu Fuß hinter sich bringen. Dichter bebaute Gegenden sind außerdem besser gestaltet und bieten attraktivere Örtlichkeiten. Dort ist man weniger auf Autos angewiesen und nutzt den öffentlichen Nahverkehr mehr.“

Das Verhältnis zwischen Fettleibigkeit und wachsender Bevölkerungsdichte nebst Infrastruktur wird wahrscheinlich weiterer Forschung bedürfen. Aber schon jetzt dürfte mit dieser Studie bewiesen sein, dass unsere dichter werdenden Innenstädte der Gesundheit nicht abträglich sind.

Stadtfrust

Obwohl Städte nur 3 Prozent der Erdoberfläche einnehmen, machen städtische Gebiete zwischen 60 und 80 Prozent des gesamten Energieverbrauchs aus und sind für drei Viertel aller Treibhausgasemissionen verantwortlich, sagen die Vereinten Nationen. Städte nehmen somit eine zentrale Schlüsselrolle für eine Verringerung des Co2-Emmission ein. Also brauchen wir in Zukunft unbedingt klimafreundliche Städte – Leben und Wohnen mit kleinstmöglichem Co2-Fußabdruck.

Und wie sieht es mit dem Zusammenhalt, mit dem aufeinander Acht geben, sich umeinander kümmern in einer Stadt aus? Denn positive soziale Kontakte sind für die Gesundheit eines Menschen genauso wichtig wie Nahrung oder Schlaf. Menschen brauchen Menschen. Und wenn wir diese Kontakte in der Anonymität einer Großstadt nicht erfahren, wenn wir isoliert sind, kann uns Menschen das krank machen. Experten wie Prof. Dr. Mazda Adli aus Berlin nennen das dann sozialen Stress. Wir brauchen also auch sozialen Zusammenhalt, damit die Stadt ein lebenswerter Ort für uns ist.

Visionen urbaner Lebensweise – LEBENswerte Städte

„Über den CO2-Fußabdruck entscheidet nicht der Wohnort, sondern vor allem, wie ein Mensch lebt und in welchem Gebäude er wohnt.“, erklärt der Studienleiter einer finnischen Forschung der Universität AaltoJukka Heinonen (Quelle).

Zwei von der GLS Bank mitfinanzierte Projekte machen es vor, wie wir in Zukunft wohnen und leben könnten.

Quartier Wir Berlin Weißensee

„Einfach zusammen leben“, so lautet das Credo für das „Quartier Wir“ in Berlin Weißensee. Hier finden alle gemeinsam und jede*r nach ihrer/seiner Facon Platz. Familien mit kleinen und großen Kindern, Paare und Lebensgemeinschaften mit Oma und Katze, mit Alt- und Neuberliner*innen. Das klare Bekenntnis lautet: Wertschätzende Kommunikation, Toleranz und Rücksichtnahme.

„Fünf Freunde, ein Quartier
Das „Quartier Wir“ wird mit seinen fünf Gebäuden für ganz verschiedene Menschen ein neues Zuhause sein.“

Neben neuen Wohnungstypen und modernen Wohnformen schenken Gemeinschaftsflächen, wie der Hofpark mit Sitzflächen und Café, ganz natürliche, tägliche Kontaktmöglichkeiten. Die Verbindung zur Nachbarschaft gelingt über halböffentliche Bereiche.

Stadtleben in Berlin, Nachhaltiges Bauen in der Stadt, Aussenansicht Haus C, Quartier WIR Weißensee, Berlin. Bildquelle: UTB/Erik-Jan Ouwerkerk
Aussenansicht Haus C, Quartier WIR Weißensee, BerlinBildquelle: UTB/Erik-Jan Ouwerkerk

Außerdem kommt man vom „Quartier Wir“ aus schnell rein in die Stadt. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist man in 30 Minuten in Berlin Mitte am Alexanderplatz und am Hackeschen Markt, in 35 Minuten am Ostbahnhof und in 40 an der Philharmonie. Schneller geht es natürlich noch mit dem Fahrrad.

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Treppenhaus Betonkern, Quartier WIR Weißensee, Berlin. Bildquelle: UTB/Erik-Jan Ouwerkerk

 

 

 

 

Alle Gebäude im Quartier sind in Mischbauweise erstellt. Die Treppenhauskerne und Keller sind aus Beton. Die Außenwände und Decken der Wohnbereiche sind aus Holzbauteilen gebaut. Holz bringt ein angenehmes Raumklima. Die Gebäudehülle in Holz mit Zellulosefüllung erreicht zudem einen sehr guten U-Wert, so dass das Haus mit Lüftungsanlage und Wärmerückgewinnung nahezu einen Passivhausstandard erreicht.

Das Projekt „Quartier WIR“ in Berlin-Weißensee wurde mit einem der vier Hauptpreise des Bundespreises UMWELT & BAUEN ausgezeichnet. Das von der UTB Projektmanagement GmbH initiierte und realisierte Wohnquartier siegte in der Kategorie „Quartiere“.

Raumteiler in Essen-Rellinghausen

Die Raumteiler eG bezeichnet sich selbst als „bunt gemischte Gruppe“. Genauer gesagt besteht das Wohnprojekt aus einer Gruppe gemeinschaftsfreudiger Menschen von 1 bis 74 Jahren. Mit unterschiedlichen Familienkonstellationen, den unterschiedlichsten Lebensentwürfen und verschiedensten Berufen. Doch alle verbindet ein Ziel: In naher Zukunft gemeinsam in das Domizil in Essen-Rellinghausen einzuziehen. Aber nicht nur Wohnraum soll geteilt werden, sondern auch Geräte und Fahrzeuge.

Stadtleben in Essen, Gruppenbild Raumteiler eG Essen-Rellinghausen
Gruppenbild Raumteiler eG Essen-Rellinghausen

Für die unterschiedlichsten Bedürfnisse der Bewohner werden 25 Wohnungen mit Wohnflächen zwischen 47 und 112 m² entstehen. Allen Gruppenmitgliedern ist es aber auch wichtig, Begegnung im gemeinsamen Alltag zu schaffen. Dafür stehen unterschiedliche Gemeinschaftsflächen zur Verfügung. Ein zentraler und gemütlicher Gemeinschaftsbereich mit offener Küche im Dachgeschoss, ein Multifunktionsraum für unterschiedlichste Aktivitäten von Heimkino bis Yogakurs, Musik- und Werkraum und natürlich der gemeinsame Garten als Treffpunkt. Auch an Gäste ist gedacht. Diese können es sich in den zwei geplanten Gästezimmern gemütlich machen. Alles barrierefrei mit einem Aufzug und über Laubengänge zu erreichen.

„Herzstück des Gemeinschaftslebens wird ein Raum sein, in dem wir uns sowohl zum Feiern als auch zum alltäglichen Feierabend gut aufgehoben fühlen. Es soll ein Ort sein, an dem man sich gerne aufhält (allein oder in Gesellschaft), wo wir zusammen kochen, uns austauschen und wie in einer Familie Alltag leben können. Diesen Treffpunkt werden wir liebevoll und mit Bedacht gestalten.“

Zu dem Mobilitätskonzept gehören neben dem ÖPNV auch Carsharing, E-Mobilität und ein gemeinsames Lastenfahrrad.

Hausskizze Raumteiler eG Essen-Rellinghausen Stadtleben
Hausskizze Raumteiler eG Essen-Rellinghausen

Die Klimaschutzsiedlung wird im Passivhausstandard errichtet. Außerdem soll der KfW 40plus-Standard erfüllt werden. Für gute Lüftung sorgt eine wohnungsweise Wärmerückgewinnung. Die Wärmebereitstellung erfolgt durch einen Holzpelletkessel mit einem Pufferspeicher. Ebenso zur Ausstattung gehört eine PV-Anlage in Verbindung mit Batteriespeichern. Dadurch sollen die CO2-Emissionen der Siedlung deutlich im negativen Bereich liegen. Der erzeugte PV-Strom kann sodann den Bewohnern als Mieterstrom zur Verfügung gestellt werden.

Die Raumteiler eG verbindet somit ökologisches Bauen mit Nachhaltigkeit und Gemeinschaft und wurde daher zurecht als NRW Klimaschutzsiedlung ausgezeichnet.

Also, so lässt es sich doch sehr gut wohnen und leben. Die Symbiose stimmt.

*Studie ifmo_2011_Mobilitaet_junger_Menschen_de

Auch interessant zum Thema Stadtleben & Wohnen, hier bereits im Blog erschienen:

Der Wirtschaftsteil :: kompakt Nr. 280 Thema – Wohnen in der Stadt

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