Was brauchen wir im Alter?

Was brauchen wir im Alter?

Wenn es nach der Werbung geht, lautet die Antwort: Geld. Doch wer glaubt, dass im Ruhestand die  Lebensqualität vor allem von den Finanzen abhängt, erliegt einer Illusion. Vielen GLS Kund*innen ist das bewusst.

Wenn es um Altersvorsorge geht, kommen wir um einen Liegestuhl nicht herum. Dieser Eindruck jedenfalls entsteht beim Betrachten aktueller Zeitungsanzeigen und Werbeprospekte verschiedener Lebensversicherer. Bevorzugt sitzt in diesem Liegestuhl ein Mann, Typ Familienvater, der entspannt in die Ferne blickt. Der Liegestuhl als Symbol materieller Sicherheit. Was die Werbung nicht thematisiert: Wer den Liegestuhl eigentlich produziert hat. Wer täglich Essen und Getränke an den Stuhl bringt. Wer am Stuhl sitzt und die Hand hält oder Medikamente verabreicht, wenn es einmal nötig ist. Denn ein Liegestuhl allein wird einem im Alter nicht helfen. Wir brauchen noch mehr. Aber was ist das genau? Um dem auf die Spur zu kommen, lud die GLS Bank zu einem Workshop ein. Es wurde deutlich, dass Altersvorsorge heute weit über
eine materielle Sicherheit hinausweist – und dass Vorsorge ganz neu gedacht werden muss.

These 1: Unsere heutigen Investitionen haben soziale und ökologische Folgen, die unsere Lebensqualität im Alter noch mehr als Geld bestimmen werden.

Geld ist auch im Alter wichtig. Aber vor dem Hintergrund einer sich verschärfenden sozialen Spaltung und des Klimawandels ist das zu kurz gedacht. Maßgeblich für unsere Zukunft ist die sozial-ökologische Transformation von Gesellschaft und Wirtschaft.

These 2: Für sich als Einzelkämpfer vorsorgen zu wollen, ist eine Illusion von Geld. Letztlich leben wir von den Leistungen anderer.

Geld kann man nicht essen. Wir werden auf die Dienstleistungen und Waren von jüngeren Menschen angewiesen sein, ob das Bäcker*innen sind, Pflegekräfte oder Feuerwehrleute. Altersvorsorge bedeutet deshalb auch, sich um die Fähigkeiten der künftigen Generationen zu kümmern.

These 3: Was wir im Alter wirklich brauchen, gibt es alles in der GLS Community.

Am Ende des Workshops wurden die Grundbedarfe für die Lebensqualität im Alter deutlich, insbesondere Wohnen, Soziales, Gesundheit, Energien, Ernährung, Bildung und Kultur. Diese sind weitgehend deckungsgleich mit den Feldern der GLS Bank. Die GLS Community, bestehend aus allen Kund*innen, gleich ob Kreditnehmer oder -geber, sowie den Mitgliedern, sorgt schon heute für die sozialen und ökonomischen Bedürfnisse von morgen. 4,5 Milliarden Euro vergab die GLS Bank im vergangenen Jahr in den sechs Branchen, darunter an alternative Wohnprojekte und Lebensformen, nachhaltig wirtschaftende Unternehmen sowie innovative Kultur- und Bildungsangebote. Hier findet ihr eine Übersicht über die Projekte

GLS Kund*innen erzählen, wie sie für das Alter planen und was sie sich für die Zukunft wünschen

Jasper Hartling, 42, Geschäftsführer einer Waldorfschule in Hannover

Der größte Luxus für mich ist Zeit. Aber man braucht auch die Mittel, um diese Zeit gestalten zu können. Ich muss nicht auf meiner Yacht durchs Mittelmeer fahren, aber wenn ich überhaupt kein Geld habe, um etwas zu unternehmen oder zu verreisen, dann beeinträchtigt das für mich die Lebensqualität. Ich habe einen 20-jährigen Sohn, der demnächst auf eigenen Beinen stehen wird. Meine Tochter ist 16 und wird uns noch mindestens bis zum Schulabschluss erhalten bleiben. Dass mein Sohn noch bei uns wohnt, merkt man nur an der Befüllung des Kühlschranks, die manchmal über Nacht schwindet.

Wir benötigen später netto mindestens 4.000 Euro. Momentan gibt meine vierköpfige Familie am meisten für
Wohnen und Betriebskosten aus. Wir versuchen, wie es im Rahmen eines Normalbürgers möglich ist, nachhaltig zu leben. Wir haben unser Auto abgeschafft, machen Carsharing und fahren viel Fahrrad. Unsere Priorität liegt nicht auf Fern- und Flugreisen, aber Reisen ist uns wichtig.

Ich habe eine klassische Lebensversicherung und bin privat ein wenig über Immobilienbesitz abgesichert. Ich werde aber trotzdem noch einmal in die Alterssicherung investieren. Die Waldorfschulen sind Gründer der Hannoverschen Kassen, die ursprünglich die Alterssicherungen des Lehrpersonals übernehmen sollten. Das tun sie auch heute noch, mittlerweile angepasst an die globale Zins- und Finanzlage. Die Investments der Kassen basieren auf ethischen und nachhaltigen Kriterien, zusätzlich könnte ich mir gut ETF-Sparpläne vorstellen. Nachhaltigkeit ist mir bei den Produkten wichtig, denn Altersvorsorge bedeutet für mich, dass unser Planet für die Menschen lebensfähig bleibt.

Das ist die finanzielle Seite. Aber Vorsorge bedeutet für mich auch, gesund zu bleiben. Ich nehme schon jetzt mögliche Vorsorgeuntersuchungen sowie die regelmäßigen Check-ups bei den Ärzten wahr. Sport ist wichtig, ich fahre viel Fahrrad, im Alltag und als sportliches Hobby gerne in den Bergen, von Hannover aus zum Glück gut zu erreichen.

Auch wenn ich lange fit bleiben möchte, ist nicht gesagt, dass wir in 30 Jahren noch mühelos in unsere schöne Altbauwohnung gelangen, die im vierten Stock liegt. Wir sind sehr offen für neue Wohnkonzepte wie Mehrgenerationenhäuser und wollen das auch frühzeitig angehen. Wenn man im höheren Alter plötzlich noch mal umziehen muss, kann das für einen schwierig sein. Wir sind seit Langem Mitglied einer Wohngenossenschaft, die sich hin und wieder an innovativen Wohnformen beteiligt. Vorstellen könnten wir
uns auch Lebensgemeinschaften, wo man zwar für sich wohnt, aber gemeinsame Bereiche wie Küchen oder
Begegnungsräume hat.

Svenja Genthe, 58, Programmmanagerin bei der filia frauenstiftung

Vorsorge muss für mich eine Relevanz haben, weil ich eine Frau bin. Das bedeutet in der Regel: 20 Prozent weniger Lohn als Männer. Diese zementierte gesellschaftliche Benachteiligung hat unterschiedliche Ursachen. Frauen auch noch in meinem Alter sind sozialisiert, die Care-Arbeit in der Familie zu übernehmen. Das Rollenbild der Fürsorgerin, ob für die eigenen oder Patchworkkinder, die alternden
Eltern oder auch für einen Ehemann hat Folgen für die persönliche Alterssicherung. Frauen arbeiten überproportional in Teilzeit und dominieren in den vergleichsweise schlecht bezahlten sozialen Berufen, bringen sich viel mehr für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft ein. Der weibliche Blick auf die Welt ist oft einer, der das Wohl der anderen in den Mittelpunkt hebt, was dazu führt, dass Frauen selbst oft
zu kurz kommen. Die Verwandlung dieser sozialen Prägung braucht Zeit und wird durch feministische Prozesse langsam bewegt.

Meine Altersvorsorge ist im Grunde eine Fortsetzung meiner derzeitigen Tagesvorsorge. Was ich jetzt brauche, ist etwas, das ich auch im Alter brauchen werde. Einen Wohnraum, Mobilität – je nach meinen körperlichen Voraussetzungen eine soziale Anbindung, das heißt die Möglichkeit, mit anderen Menschen Kultur, Natur, Politik und sozialen Austausch zu erleben.

Der Staat hat die Aufgabe, für Sicherheit zu sorgen. Damit meine ich nicht vorrangig den Schutz vor Kriminalität, sondern die Frage, wie ich geschützt meinen Bedürfnissen entsprechend leben kann, ohne isoliert zu sein. Ein Beispiel: Das Recht auf Wohnen wird vielfach überhaupt nicht eingelöst; siehe bezahlbares Wohnen oder das menschenwürdige Leben bei Krankheit oder Behinderung. Solche
Herausforderungen muss die Zivilgesellschaft oft in Eigeninitiativen wie alternativen Wohn- und Fürsorgeprojekten lösen. Die Senkung des Rentenalters auf 62 Jahre würde mir ermöglichen, mich noch kraftvoll und engagiert um eine Lebensform für den nächsten Lebensabschnitt zu kümmern.

In dem gestreckten Galopp des Alltags ist mir das nicht möglich. Die derzeit geltende Rentenregelung mit 67 Jahren greift angehenden Rentenempfänger*innen in die angesparte Tasche. Allein in meinem Bekanntenkreis steigen alle vorzeitig mit Abschlägen aus dem Berufsleben aus.

Natürlich kann ich individuell vorsorgen, sodass ich irgendwie durchkomme. Aber was nützt mir das? Meine
Arbeitgeberin, die filia frauenstiftung, setzt sich für die Stärkung von Frauenrechten ein. Das tut sie, indem sie Projekte von und für Frauen fördert – und dabei auch eine angemessene Bezahlung der Antragsteller*innen im Blick hat. Außerdem hat filia für uns Mitarbeiter*innen eine betriebliche Altersvorsorge abgeschlossen. In Zusammenarbeit mit der GLS Bank und der Concordia oeco Versicherung
wird ein Teil des Bruttogehalts in Altersvorsorge umgewandelt, die filia frauenstiftung gibt dann noch 15 Prozent dazu. Ein existenzsicherndes Gehalt ist ein wichtiger Baustein für eine solide Altersvorsorge.

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Den kompletten Bankspiegel 2022/1 – „Im Umbruch – Initiativen, die Mut machen“ inklusive der transparenten Kreditliste, kann man auch hier als PDF downloaden (3,5 Mbyte).

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