BS 2019 / 1 - Wohnen / Stadt für alle

Stadt für alle

Überall in Berlin steigt der Frust über Mietpreise und Wohnungsmangel. Dabei geht es ums gesellschaftliche Ganze.

Von Lisa Neal, Journalistin

Am Morgen des 15. Dezember 2018 hängte Eva (Name geändert) eine rote Tischdecke aus dem Fenster ihrer Wohnung in der Berliner Karl-Marx-Allee. Bis zum Mittag folgten Tücher aus den Fenstern fast aller Mieter aus drei Häusern. Zeit zu eskalieren. „Uns reicht‘s. Deshalb setzen wir ein Zeichen und bringen die Wohnblöcke zum Glühen“, sagte die 27-jährige Studentin.

Die Karl-Marx-Allee beginnt unweit des Fernsehturms am Alexanderplatz und führt ohne Kurven fast drei Kilometer geradeaus bis nach Friedrichshain. Sie war die Prachtstraße der DDR. Hier begann aber auch der Volksaufstand des 17. Juni 1953. Und heute regt sich wieder Protest. Anwohner*innen und die Berliner Landesregierung taten sich zusammen und stellten sich dem Spekulationswahnsinn entgegen.

Eva und ihr Mitbewohner hatten eine der 755 Wohnungen, die im Oktober 2018 von der Aktiengesellschaft Deutsche Wohnen (DW) erworben wurden, gemietet. Die DW wird von vielen wegen ihrer drastischen Mieterhöhungen gefürchtet. Und nirgendwo im Land steigen die Mieten derzeit so stark wie in Berlin. Die Wohnungskostenquote beträgt zum Teil an die 50 Prozent des Einkommens. Nirgendwo im Land regt sich aber auch so viel Widerstand. „Als einzelner Mieter hast du keine Chance“, sagt Eva inzwischen. Aber als Gemeinschaft und mit juristischem Geschick. Die Idee war, über einen „gestreckten Erwerb“ drei Wohnblöcke in der Karl-Marx-Allee zu kaufen. Dafür konnten die Mieter ihr Vorkaufsrecht geltend machen und dann an die kommunale Wohngesellschaft Berlin-Mitte WBM verkaufen. Um den Erwerb zu finanzieren, brauchten die Bewohner kurzfristig Kredite. Als im Dezember die ersten Proteste laut wurden, stellte die GLS Bank eine Finanzierung in Aussicht, sodass allen klar wurde: Am Geld wird es nicht scheitern. Es kam Bewegung in die verfahrene Situation.

Auf der Suche nach Lösungen

Bis März 2019 stimmten dann 46 Prozent der Mieter dem gestreckten Erwerb zu. Als finanzierende Bank trat die Investitionsbank Berlin auf den Plan. Jetzt hängen keine Tücher mehr aus den Fenstern. Der Protest ist beendet. Nicht zum ersten Mal gab es eine solche Lösung: In den letzten vier Jahren haben die Berliner Bezirke in 39 Fällen von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch gemacht und dazu 213 Millionen Euro ausgegeben. Eine sinnvolle Investition? „Mit diesem Geld könnte man an anderer Stelle mehr Wohnungen bauen“, Eva ist mittlerweile skeptisch gegenüber der Aktion. „Eigentlich sollte es um grundsätzliche Lösungen gehen.“ Das sieht auch die GLS Bank so. Sie verfolgt nachhaltige Konzepte. So wie hier, im Berliner Genossenschaftsprojekt Möckernkiez.

Es ist der bisher wärmste Tag im Februar 2019 und Johannes von Streit hat seine Lederjacke über die Schulter geworfen. Er ist Anwohner und führt uns durch die Neubausiedlungam Gleisdreieck in Kreuzberg. „Wir brauchen Eigentumsmodelle, mit denen nicht spekuliert werden kann“, sagt er. Genau das hat er hier in dem Genossenschaftsprojekt gefunden. Fertig gebaut im August 2018, 471 Wohnungen, Gemeinschaftsgärten. Doch beinahe wäre das Vorhaben gescheitert: 2014 hatte die Genossenschaft ohne gesicherte Gesamtfinanzierung den Bau begonnen. Die Rechnung ging nicht auf, Stopp auf der Baustelle. 2016 machte die GLS Bank als Konsortialführerin die Finanzierung von 90 Millionen Euro möglich — und damit die Fertigstellung.

„Noch fehlt mir an manchen Ecken die soziale Patina, aber die kommt“, Johannes (25) wohnt seit Sommer 2018 in dem im Süden Berlins gelegenen Kiez. Er erwartete keinen Kreuzberger Rock ’n’ Roll, sondern Gemeinschaftsdenker. Um in einer Nachbarschaft zu leben, wo Wohnen aktiv gestaltet wird, zogen er und seine Frau hierher.

Demokratisches Wohnen erfordert Übung. „Manchmal ist es sehr viel Abstimmen über kleinste Kleinigkeiten“, sagt Johannes. „Ich weiß aber dennoch, warum ich das will.“ Es geht ihm nicht um eine schicke Wohnung, sondern um einen Lebensentwurf, mit dem er Haltung zeigt: „Gemeinschaft statt Vermehrung von persönlichem Eigentum.“ Bei einem gehäkelten Überwurf für einen Straßenpfosten bleibt er stehen und freut sich: „Patina.“

Im Möckernkiez finden sich viele Ziele der GLS Bank beim Thema Wohnen wieder. Dazu gehören, gemeinschaftliche Eigentumsformen, soziale Vielfalt und nachhaltiges Bauen zu fördern. Das Anliegen der Bank geht über die Rolle des Geldgebens hinaus. Das findet Johannes, selbst GLS Mitarbeiter, sei hier gelungen. „Der Kiez zeigt auch denen, die nicht hier leben, dass ein neues Wohnen in Genossenschaften gelingt“, sagt er. Unzufrieden ist er damit, dass hier vor allem Mittelschicht wohnt. Das müsse sich in Zukunft ändern. Johannes sieht sich in der Pflicht, die Idee des demokratisch verwalteten Wohnens zugänglicher zu machen. „Wohnen radikal zu verändern, ist überfällig.“

So wie es derzeit läuft, spaltet Wohnen die Gesellschaft. Weil es die soziale Ungleichheit verschärft. Die steigenden Bodenpreise erhöhen in erster Linie die großen Vermögen. Für die Normal- und Geringverdiener heißt das: kaum bezahlbare Mieten und fehlender Wohnraum. Nicht nur in Berlin, sondern in den meisten deutschen Großstädten. Einfach mehr zu bauen ist dafür keine Lösung, die Kosten werden dadurch nicht sinken. Denn vor allem liegt es am Bodenpreis. Und der Spekulation damit.

Wohnen – Die Geldumverteilungsmaschine

Die Bodenpreissteigerung beträgt in Deutschland seit 1964 über 1.800 Prozent. Diese Zahl brachte jetzt Hans-Jochen Vogel, SPD-Politiker und Minister a. D., in die Debatte ein. Seit über 50 Jahren kämpft er für eine Bodenreform. Die Lage spitzt sich derzeit dramatisch zu. Im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hat die Steigerung alleine in den zehn Jahren zwischen 2008 und 2018 mehr als 650 Prozent betragen. Vogel und andere Kritiker sprechen von leistungsloser Bodenwertsteigerung. Gewinnen durch Besitzen. Ein Eintrag im Grundbuch genügt, um immer reicher zu werden. Und wer Eigentümer eines Grundstückes werden darf, das entscheidet nur das Geld. Langfristig müsse sich das ändern, sagt Johannes. „Ich finde, es sollte derjenige den Boden nutzen können, der die beste Idee im Sinne des Gemeinwohls hat.“

Geht es um Wohnen, ist jeder betroffen. Das erklärt auch, warum seit zwei Jahren die Demonstrationen gegen den Spekulationswahnsinn unterschiedlichste Menschen zusammen auf die Straße bringen. „Ich glaube, es entsteht gerade ein entscheidender sozialer Moment“, sagt Eva.

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Ein Artikel aus dem GLS Kundenmagazin Bankspiegel. Diesen und viele andere spannenden Artikel finden Sie im Blog. Alle Ausgaben des GLS Bankspiegel als PDF finden Sie unter: https://www.gls.de/bankspiegel/.
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  2. bin als Mitglied der GLS-Bank beruhigt, stolz und dankbar für solches Engagement gegenüber einem aktuellen Problem: das ist p o l i t i s c h e , avantgardistiche Hilfe

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