„Nur was dem Menschen dient, ist Aufgabe der Wirtschaft“

Finanzmarktkrise, Klimawandel und wachsende Armut: Die drei großen Themen unserer Zeit offenbaren bei genauerer Betrachtung einen tief liegenden, systemischen Kontext. Jetzt ist Zeit zu handeln. Ein Essay von Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der GLS Bank, über die Frage ob ein Zusammenhang zwischen drei Entwicklungen besteht:  Armutskrise, Klimakrise, Finanzmarktkrise – (k)eine Systemkrise?  Unser gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ordnungsrahmen wird zunehmend durch eine Reihe von Krisen in Frage gestellt:

1. Die Schere zwischen Arm und Reich, sowohl national als auch zwischen armen und reichen Ländern, geht weiter auseinander.

2. Seit den 70er-Jahren ist die Umweltverschmutzung immer stärker ins Bewusstsein gerückt. Zwar wurde mittlerweile die Bekämpfung der Klimaerwärmung zur zentralen Aufgabe der Staatengemeinschaften erklärt. Auch stehen die notwendigen Techniken zur Verfügung oder sie sind entwickelbar. Aber die maßgeblichen Weichenstellungen sind bislang ausgeblieben.

3. Die Finanzmarktkrise hat eine Dimension angenommen, die so kaum jemand erwartet hat. Sie hat sich zwischenzeitlich zu einer weltweiten ökonomischen Krise ausgeweitet.

Betrachtet man diese Krisen einzeln, mag man zu dem trügerischen Schluss kommen, dass unsere Marktwirtschaft heute trotzdem noch leistungsfähig sei. Eine übergreifende Analyse dieser Entwicklungen stellt jedoch unvermeidbar die Leistungsfähigkeit des gegenwärtigen Ordnungsrahmens infrage.

Zunächst kann festgestellt werden, dass unser materieller Wohlstand, so wie wir ihn heute kennen, ohne unser marktwirtschaftliches System nicht denkbar ist. Auch viele kulturelle und geistige Leistungen sind nur möglich, weil der materielle Wohlstand als Rahmenbedingung gegeben ist. Das System hat also dazu geführt, dass wir heute im Prinzip ein ausreichendes Angebot an Gütern und Dienstleistungen und trotz der Finanzmarktkrise auch genügend Kapital und Arbeitsangebote haben. Das System ist also nicht aufgrund mangelnder Leistungsfähigkeit in der Vergangenheit zu hinterfragen, sondern gerade deshalb, weil es so außerordentlich leistungsfähig war. Es baut darauf auf, dass der Einzelne im Streben nach seinem eigenen Vorteil durch „die unsichtbare Hand des Marktes“ (Adam Smith) den allgemeinen Wohlstand nährt. Dieser scheinbare Widerspruch löst sich dann auf, wenn es eine Knappheit an Gütern und Dienstleistungen gibt und jeder Wirtschaftende darum bemüht ist, diese Knappheit zu  beseitigen. Dies führte zu einer fortschreitenden Arbeitsteilung, sodass faktisch der einzelne Wirtschaftsakteur, ob Arbeiter, Angestellter oder Unternehmer, sein Einkommen nur dadurch erzielen kann, dass er anderen „dient“, sich also auf die Bedürfnisse von Kunden ausrichtet. Dadurch stieg der allgemeine Wohlstand bislang enorm. Die zunehmende Mechanisierung und Automatisierung führte zu einer Freisetzung des ursprünglich knappen Produktionsfaktors „Arbeit“. Außerdem kam aus den Überschüssen von Unternehmen und Volkswirtschaften ein Überangebot von investivem Geld zustande.

Die Ausgangslage der marktwirtschaftlichen Entwicklung war also die Knappheit von Gütern und Dienstleistungen bei einem scheinbar unbegrenzten Kapazitätsfaktor „Natur“ und einer begrenzten Kapazität der Produktionsfaktoren „Arbeit“ und „Kapital“. Diese Ausgangslage wurde mittlerweile durch den Erfolg der Marktwirtschaft völlig geändert:

1. Trotz zunehmender Armut kann von einer Knappheit im Angebot von Gütern und Dienstleistungen nicht mehr gesprochen werden.

2. Auch der Faktor „Arbeit“ ist nicht mehr knapp. Die Produktivitätsfortschritte haben dazu geführt, dass eine Vollbeschäftigung im herkömmlichen Sinne weder sinnvoll noch möglich ist. Vielmehr stellt sich die Verteilungsfrage völlig neu.

3. Ebenso gibt es ein Überangebot des Faktors „Kapital“, das unter den gegebenen Rahmenbedingungen nicht nur unbegrenzt vermehrbar ist, sondern auch eine unbegrenzte Renditeerwartung hat. Dies führte zu den Verwerfungen an den Finanzmärkten. Die einzig sinnvolle Aufgabe der Geldund Finanzmärkte, nämlich Kredite und Eigenkapital für realwirtschaftliche Investitionen zur Verfügung zu stellen, ist dabei in den Hintergrund gerückt.

4. Zum eigentlichen Knappheitsfaktor ist die bislang als unbegrenzt geltende „Natur“ geworden, obwohl deren Nutzung nach wie vor weitgehend kostenfrei ist. Dies führt zu den ökologischen Problemen.

Diese Entwicklungen zeigen einerseits, dass die Grundannahmen unserer wirtschaftlichen Ordnung nicht mehr stimmen. Sie lassen andererseits aber auch enorme Chancen für die weitere soziale, ökologische und ökonomische Entwicklung erahnen. Denn es gibt eine Vielzahl von sinnvollen Beispielen und Lösungsvorschlägen, sowohl zum Finanzmarkt und zur Ökologie- beziehungsweise Energiefrage als auch zur Verteilungsfrage. Das Konzept des Grundeinkommens, die Bepreisung der Naturnutzung, der soziale und ökologische Umbau der Steuersysteme, der Vorrang regenerativer Energien, Regulierungen und Verbote rein  spekulativer Finanzgeschäfte und vieles andere mehr könnte hier genannt werden. Es fehlt also keinesfalls an empirischen, wissenschaftlichen Erkenntnissen, dass wir dringend einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel brauchen, und es fehlt auch nicht an Vorschlägen für einen solchen Wandel.

Was fehlt, sind der klare Wille und entsprechende Umsetzungsschritte. Dazu muss vor allem der gängige Leitsatz „Was der Wirtschaft dient, ist auch gut für den Menschen“ geändert werden in „Nur was dem Menschen dient, ist Aufgabe der Wirtschaft“. Die Zuspitzung von Armutskrise, Klimakrise und Finanzmarktkrise bietet möglicherweise eine einmalige Chance. Das Bewusstsein, dass sich grundlegend etwas ändern muss, war nie so groß wie heute. Die ideologischen, materiellen oder politischen Besitzstandswahrer müssen dazu allerdings ihre gewohnten Positionen verlassen, um voraussetzungslos an den notwendigen Umbau unserer gesellschaftlichen Systeme und Verhaltensweisen heranzugehen. Dies trifft die Politik genauso  wie die Wirtschaft, die Medien ebenso wie alle Bürger. Die Barrieren für die notwendigen Veränderungen liegen letztendlich nicht in ökonomischen oder systemischen Zwängen, sondern bestehen in den Köpfen und möglicherweise in den Herzen von uns allen.

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