Geld sollte fließen – von Mensch zu Mensch

Die GLS Treuhand feiert in diesem Jahr ihr 50jähriges Jubiläum. Zu diesem Anlass haben wir uns über die Motive des Stiftens und Schenkens unterhalten.

Dr. Antje Tönnis, Leitung Öffentlichkeitsarbeit der GLS Treuhand, und die Chefredakteurin des Bankspiegels, Katrin Schaefer, beleuchten im Gespräch mit Dorothea Offermanns (Zustifterin und Förderin), Barbara Wollrath-Kramer (Leiterin eines experimentellen Jugendtheaters) und den Vermögensberatern Dr. Richard Everett und Jörg Braun Hintergründe und Motive des Stiftens und Schenkens.

Dr. Antje Tönnis: Herr Dr. Everett, Sie sind Kundenberater in der GLS Treuhand. Welche Menschen wenden sich an die GLS Treuhand und wie kommen sie zu Ihnen?

Dr. Richard Everett: Einerseits sind es pragmatische Idealisten. Menschen, die ihre Ideale in die Tat umsetzen und mit Engagement ihre Ziele realisieren wollen. Andererseits sind es Menschen, die etwas fördern möchten, aber noch nicht konkret wissen, was sie genau anstreben. Auf sehr unterschiedlichen Wegen kommen die Menschen zu uns. Häufig ist es die persönliche Empfehlung per Mund-zu-Mund-Propaganda. Im Bekanntenkreis erzählen unsere Kundinnen und Kunden von uns und berichten über ihre Erfahrungen. Andere finden uns im Internet und rufen einfach an.

Katrin Schaefer: Gibt es typische Kundinnen und Kunden?

Everett: Die meisten Menschen, die auf uns zukommen, sind zwischen 40 und 70 Jahre alt. Bei fast jedem Kunden und jeder Kundin wird deutlich, dass für ihn oder sie der verantwortungsvolle Umgang mit dem eigenen Vermögen eine existentielle Frage geworden ist. Jede Beratungssituation ist demnach eine sehr individuelle Angelegenheit – wie auch die Wünsche und Ziele, die die Menschen verfolgen. Das spiegelt sich in den Stiftungen und Stiftungsfonds, die sie unter unserem Dach finden: Vom Stiftungsfonds zur Förderung der Segelschifffahrt bis zur treuhänderischen Stiftung im Bereich regenerativer Energie. Von einem Volumen von 30.000 Euro im Stiftungsfondsbereich bis zur treuhänderischen Stiftung von 10 Millionen Euro sind alle Varianten vertreten.

Tönnis: Frau Offermanns, Sie stiften selber, sammeln zusätzlich Geld und geben es über die GLS Treuhand an Projekte. Wie ist diese Beziehung entstanden?

Dorothea Offermanns: Sie entstand über Herrn Barkhoff und die GLS Bank. Das muss Anfang der 70er-Jahre gewesen sein. Dort bin ich damals eingetreten, überzeugt, dass so eine Einrichtung dringend nötig ist. Und dann habe ich Herrn Burkart, den damaligern Vorstand der GLS Bank, kennengelernt und zum ersten Mal den Spruch „Gold zurück nach Peru“ gehört. Da begann ich, Zahngold und Schmuck von Privatpersonen zu sammeln, es einschmelzen zu lassen und das Geld über die Zukunftsstiftung Entwicklungshilfe nach Südamerika zu geben. Auf diesem Weg habe ich inzwischen rund 135.000 Euro gesammelt, die in unterschiedliche Entwicklungsprojekte geflossen sind.

Tönnis: … und zusätzlich stifteten Sie Büroräume …

Offermanns: Mich wundert, dass das nicht gang und gäbe ist – dass man zu Lebzeiten schon bestimmt, was mit dem Eigentum nach dem Tode geschieht.

Jörg Braun: An diesen Gedanken möchte ich gerne anknüpfen. Nur wenige Leute setzen sich frühzeitig damit auseinander, was mit ihrem Vermögen nach ihrem Tod geschehen soll. Etwa 70 Prozent haben kein Testament. Da fehlt es häufig nur an einem Impuls. Die meisten Menschen haben Vorstellungen zur Vermögensverwendung, bringen sie aber nicht zu Papier. Es scheint so, als sei es vielen Menschen unangenehm, sich mit Testamentsfragen zu beschäftigen.

Everett: Erfreulicherweise erleben wir immer häufiger, dass sich Kundinnen und Kunden bereits in jüngeren Jahren gestaltend von Teilen ihres Vermögens trennen, um selber verfolgen zu können, wie ihr Gestaltungsimpuls in vielfältiger Weise Wirkung entfaltet und in ihrem Sinne dazu beiträgt, Gesellschaft zu verändern.

Offermanns: Geld loswerden in sinnvoller Form macht auch frei. Aber es ist wohl die Angst vor dem Sterben, die möglicherweise viele Menschen hindert. Es müsste doch eigentlich viel Geld bei der Treuhand auftauchen, jetzt, wo meine Generation stirbt – die Nachkriegsgeneration, die enorme Gelder angehäuft hat.

Everett: Jedes Jahr werden die GLS Treuhand oder ihre Zukunftsstiftungen auch in Testamenten bedacht. Viele Projekte konnten so zusätzlich realisiert werden.

Schaefer: Nun würde ich gerne direkt auf die gemeinnützigen Projekte in Deutschland blicken, die ohne Schenkungsgeld kaum existieren könnten – zum Beispiel das Theater Total aus Bochum, das von Frau Wollrath- Kramer geleitet wird.

Barbara Wollrath-Kramer: Theater Total ist ein Ort, an dem sich junge Menschen und erfahrene Künstler aus der ganzen Welt begegnen. Die Zusammenarbeit mit den dreißig Jugendlichen dauert jeweils zehn Monate und endet stets mit einer Tournee durch Deutschland. Oft kommen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen direkt nach ihrem Schulabschluss zu uns, weil sie sich orientieren möchten. Ich suche Menschen, die viel Tatkraft haben und in ihrem Leben etwas bewirken wollen. Wir gestalten hochprofessionelle Theaterproduktionen mit Laien, die einen starken inneren Impuls haben. Das ist Entwicklung der Persönlichkeit.

Tönnis: Wie finanzieren Sie Ihr Theater?

Wollrath-Kramer: Die Teilnehmer zahlen einmalig 800 Euro sowie Material und Essensgeld. Aus eigener Kraft erwirtschaften wir einen großen Teil des notwendigen Budgets: Mit der jährlichen Tournee, die etwa 30.000 Euro kostet, haben wir in den letzten Jahren 60.000 bis 70.000 Euro eingenommen. Dann haben wir Einnahmen von Aufträgen, zum Beispiel von der Ruhrtriennale. Einen weiteren Teil decken wir durch Spenden. Für uns sind die Großspender, also meist Stiftungen, besonders wichtig. Wir werden auch seit vielen Jahren durch die GLS Treuhand gefördert.

Tönnis: Kommen wir auf die Zusammenarbeit zwischen Bank und Treuhand zu sprechen. Herr Braun, Sie sind Kundenberater in der GLS Bank. Wann merken Sie, dass Kundinnen und Kunden auch am Thema Schenken und Stiften interessiert sind?

Braun: Wir gehen in der Beratung vom Menschen aus und fragen ihn nach seinen Motiven: Was möchte er bewegen, realisieren, erreichen? Es gibt in der GLS Bank drei Säulen, an denen wir uns orientieren. Die erste ist das klassische Bankgeschäft: der Bankkredit, der Zahlungsverkehr, das Girokonto. Die zweite Säule sind unternehmerische Engagements, wie zum Beispiel direkte Beteiligungen, Wertpapiere, Mikrofinanzierungen. Und dann gibt es die dritte Säule: das Schenken, Stiften und Vererben. Diese drei Säulen gehören für uns immer zu einer ganzheitlichen Beratung.

Tönnis: Interessieren sich Ihre Kundinnen und Kunden für bestimmte Bereiche? Möchten sie entscheiden, wo ihr Geld angelegt wird oder wohin es gespendet werden soll?

Braun: Unsere Kundinnen und Kunden möchten sich zum Beispiel oft konkret im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit oder der ökologischen Landwirtschaft engagieren. Es gibt aber auch Menschen, die sehr individuelle Vorstellungen haben. Dann kommt die Beratung durch die GLS Treuhand ins Spiel, da in der Beratung mit dem Kunden die eigenen Anliegen herausgearbeitet werden können, um sie dann in die geeignete inhaltliche, rechtliche und materielle Form zu bringen.

Offermanns: Ich sehe es sehr kritisch, wenn Stiftungen gegründet und nur die Zinsen zur Förderung eingesetzt werden. Da wird Geld, das eigentlich von einem Menschen zum anderen fließen und etwas in Bewegung setzen sollte, einfach festgemauert.

Everett: Es gibt Entwicklungen von rechtlicher Seite, die genau dieses Thema aufgreifen und die wir in der Stiftungsberatung berücksichtigen. Vom Stiftungsrecht her ist eine Stiftung auf Unendlichkeit angelegt und ihr Vermögen muss erhalten bleiben. In begründeten Einzelfällen werden aber auch sogenannte Verbrauchsstiftungen genehmigt. Diese Stiftungen können nach und nach auch ihr Stiftungskapital für ihre Förderzwecke einsetzen. Sie sind dann nur für eine gewisse Zeit angelegt. Beide Varianten finden sich bei der GLS Treuhand – unser Ziel ist es, den Impulsen unserer Kundinnen und Kunden folgend, die für ihre Vorhaben geeignete Form zu finden und zu realisieren.

Braun: Gerade bei Pionierprojekten spielt Schenkungsgeld eine große Rolle. Da möchte die GLS Bank auch Dinge anstoßen, die es bisher noch nicht gab. Ein Beispiel sind die Elektrizitätswerke Schönau, die es als unabhängiger Energielieferant erreicht haben, das Kartell der Energieversorger zu durchbrechen. Das war seinerzeit auch durch private Bürgschaften und Schenkungsgeld möglich. Heute finanziert auch jede konventionelle Bank Solaranlagen oder Windkraftanlagen.

Wollrath-Kramer: Es ist dieses Schenkungsgeld, das Freiräume für Entwicklungen schafft. Ich arbeite jeden Tag mit dreißig jungen Menschen und die letzte Performance habe ich mit 110 Leuten gemacht. Wenn ich noch mehr Aufführungen realisiere, verheize ich die Jugendlichen. Ich habe probiert, bis an die Grenze zu gehen. Aber dann kommen sie nicht mehr zu sich. Sie müssen ausatmen können. Diesen Raum verschafft uns das Schenkungsgeld.

Schaefer: Herr Braun, interessieren sich die Menschen in Zeiten der Finanzmarktkrise mehr für das Schenken und Stiften, weil sie ihr Geld zum Beispiel lieber verschenken, bevor es in einem Fonds „verschwindet“?

Braun: Wir spüren einen generellen Bewusstseinswandel. Die Menschen möchten nicht mehr anonym investieren, sondern wissen, was mit ihrem Geld passiert, und sie verfolgen genau die Wirkung ihrer Geldanlagen. Gleichzeitig stiften mehr Menschen, um mit Teilen ihres Vermögens oder ihrem gesamten Vermögen Impulse zu setzen.

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