Die Energiewende ist wichtiger als Partikularinteressen.

Thomas Jorberg Die Energiewende ist derzeit in aller Munde. Die GLS Bank finanziert seit den 80er Jahren Projekte im Bereich der Regenerativen Energien und kann auf eine ausgiebige Erfahrung zurückblicken. Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der GLS Bank, hat seine Gedanken zu dem Thema in einem Aufsatz festgehalten.

Die Energiewende steht für eine nachhaltige Wirtschaftspolitik, durch die der Mittelstand gestärkt und neue Absatzmärkte erschlossen werden. Die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes wird erhöht sowie die Abhängigkeit von Energieimporten reduziert. Insbesondere seit dem Wahljahr 2013 wird jedoch zunehmend versucht, durch die Formulierung von Partikular-interessen die gesamtwirtschaftlich sinnvolle Energiewende in Frage zu stellen. Immer wieder treten dabei Kammern und Verbände vorgeblich als Interessenvertreter ihrer Mitglieder mit Forderungen nach geringeren Strompreisen auf, ohne dabei die Wettbewerbschancen und geringere Energiekosten durch Effizienzgewinne zu thematisieren. Auch angebliche In-teressen von Sozialhilfeempfängern werden von Vertretern der Energiewirtschaft und deren Fürsprechern gegen steigende Strompreise ins Feld geführt, wobei die Sozialverbände stattdessen eine entsprechende Erhöhung der Sozialleistungen fordern. Mittlerweile ist die so erfolgreich begonnene Energiewende durch solche vorgetragenen Partikularinteressen substanziell gefährdet:

1. Verbraucher: Obwohl die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung für die Energiewende ist und über 7 Mio. Bundesbürger „grünen“ Strom beziehen, sei eine weitere Strompreiserhöhung unzumutbar. Je nach Argumentation werden hierfür verschiedene Umfragen beauftragt. Die bisherigen Subventionen der Stromproduktion (inklusive Atom und Kohle) sind jedoch nicht verursachergerecht und verringern dadurch die Anreize zur Energieeffizienz.
Hinsichtlich der Energiekosten von Hartz IV-Empfängern wird oft Sozialpolitik mit Energie- und Wirtschaftspolitik verwechselt. Will die Gesellschaft die Energiewende, muss der Hartz IV-Satz eben entsprechend erhöht werden, wie dies beispielsweise die Sozialverbände in einer gemeinsamen Charta mit dem BUND fordern. Außerdem betont der Sachverständigenrat für Umweltfragen in seinem Bericht an die Bundesregierung: „Die Verdopplung des Haushaltsstrompreises im Laufe der letzten Dekade war vor allem durch den Kostenanstieg der fossilen Energieträger getrieben.“

2. Wettbewerbsfähigkeit: Auch das Argument, der Standort Deutschland sei durch hohe Energiepreise gefährdet, hält bei näherer Betrachtung nicht Stand. In der Regel sind Energiepreise – auch steigende – keine existenzgefährdende Wettbewerbsbelastung. Zwar hat selbst der Vorstandsvorsitzende von ThyssenKrupp, Heinrich Hiesinger, kürzlich in das Lamento der Standortgefährdung durch hohe Energiepreise eingestimmt. Bei genauem Hinsehen ist jedoch leicht festzustellen, dass die Steigerung der Energiepreise für ThyssenKrupp im Verhältnis zu den Verlusten ihrer Auslandstöchter nicht wesentlich ist. Durch die Entwicklung neuer Technologien (Energieeffizienz, Stromspeicher, -netz und Produktion) führte die Energiewende bereits jetzt vielmehr zu einer größeren Wettbewerbsfähigkeit. Auch im Hinblick auf den international höchsten Exportüberschuss Deutschlands kann von einer Standortgefährdung Deutschland keine Rede sein. Vielmehr kann der Standort durch die international herausragende Vorreiterrolle durch eine dynamische Energiewende langfristig gefestigt werden. Und nach dem Ende der Fracking-Euphorie ist deutlich, dass nur regenerative Energien zu einer Unabhängigkeit von Energieimporten führen können.

3. Regionale Interessen: Bislang waren Regionen mit einem Aufkommen an fossilen Energieträgern im Vorteil. Durch die verstärkte Nutzung von regenerativen Energien wird dieser Vorteil reduziert. Gerade das Ruhrgebiet zeigt jedoch beeindruckend die Chancen, die in einem solchen Strukturwandel liegen. Diese Vorreiterrolle ist international von Inte-resse und kann ausgebaut werden.

Die Liste derjenigen, die der Energiewende zwar grundsätzlich zustimmen, aber jetzt mit ihren Partikularinteressen Lobbypolitik betreiben, ließe sich noch länger fortsetzen. Eines der wichtigsten – wenn nicht das wichtigste – Gesellschafts- und Industrieprojekt ist dadurch bedroht. Der Kern des Problems liegt darin, dass es für jede dieser Lobbygruppen Politiker, Verbandsvertreter und vereinzelt auch Wissenschaftler gibt, die bereits sind, das Einzelinteresse gegenüber dem gesellschaftlichen Interesse der Energiewende durchzusetzen. Damit stellen sie fest: „Gerne hätten wir eine Zukunft, aber sie ist uns zu teuer!“ Denn langfristig – und hier meine ich wirklich langfristig – könnte unser Wohlstand nur mit regenerativen Energien aufrecht erhalten werden.

Die Chancen der Energiewende nutzen:
Die Energiewende setzt ein Verständnis dafür voraus, dass es um viel mehr geht, als die Erzeugungsart von Strom auszutauschen. Sie ist vielmehr als Chance der Struktur- und Kulturveränderung zu begreifen, die unsere Industrielandschaft überhaupt erst zukunftsfähig macht.

Dies wird an den folgenden Punkten deutlich:

  • Die Kosten für regenerative Energien entstehen überwiegend durch Investitionen und den laufenden Betrieb von Anlagen, nicht jedoch durch Rohstoffimporte. Insofern werden mit den Energiepreisen dezentrale, regionale Wertschöpfungen bezahlt, wodurch letztendlich Arbeitsplätze entstehen. Die Abhängigkeit von Importen und die langfristigen Umweltkosten dagegen sinken
  • Dass die Kosten in den Strompreis einfließen ist die einzig sinnvolle Art, die Energiewende zu finanzieren, denn sie ist verursachergerecht. Dies bedeutet aber nicht, dass die Stromrechnungen – ob im Privathaushalt oder in der Industrie oder in Dienstleistungsunternehmen – steigen müssen. Ein höherer Strompreis muss und kann durch Effizienzsteigerung, spricht durch Einsparung, kompensiert werden. Vielfache Studien haben belegt, dass dies möglich ist, sowohl im Privathaushalt als auch in Unternehmen und im öffentlichen Bereich.
  • Wenn überhaupt steuerfinanzierte Anreize notwendig sind, dann bei der Effizienzsteigerung, nicht aber bei der Erzeugung. Dies wiederum stärkt den Standort, sowohl was Forschung und Entwicklung, aber insbesondere was Handwerk und Industrie angeht. Denn auch hier handelt es sich wieder um Infrastruktur-Investitionen, die im eigenen Land, aber auch als Exportartikel zukunftsfähig sind.
  • Die Energiewende betrifft aber nicht nur Erzeugung und Effizienz, sondern auch die Struktur. Zentrale Strukturen werden bei einer richtig verstandenen Energiewende in dezentrale umgewandelt. Dies bedeutet neue Chancen für Handwerk, Handel und Industrie und es entfallen außerdem Netzkosten. Die Entwicklung, Errichtung und der Betrieb von Steuerung und Speicherung, verbunden mit Elektromobilität sind bedeutende Zukunftschancen.
  • Die Aufgaben der großen Stromversorgungsunternehmen werden sich deutlich verändern, wenn Stromerzeugung und Stromverteilung mehr und mehr dezentral erfolgen. Steuerung und Speicherung sind neue Dienstleistungsfelder, die völlig veränderte Unternehmensstrukturen erfordern.

Höhere Energiepreise werden insofern den Standort Deutschland mittel- und langfristig ganz erheblich stärken, denn sie führen zu höheren Erträgen für Unternehmen, Dienstleister und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Selbst wenn Photovoltaik-Anlagen importiert werden, bleibt die anschließende Wertschöpfung im Inland, ganz im Gegensatz zu Gaskraftwerken, die einen dauerhaften Import von Gas erfordern und damit Wertschöpfung abgeben.

Damit kommen jedoch ohne Zweifel erhebliche Veränderungen auf die Unternehmen, auf Politik und Verwaltung sowie auf die Bürgerinnen und Bürger zu. Hinter der aktuellen Preis-diskussion geht es tatsächlich um diese anstehenden Veränderungen. Teilweise wird mit der Diskussion versucht, den Wandel aufzuhalten. Teilweise kommt darin zum Ausdruck, dass das Bewusstsein und die Vorstellungskraft für die Relevanz der Energiewende noch fehlen.

Was aktuell zu tun ist:
Es gibt eine Reihe von erfolgreichen Ansätzen, auf deren Basis die Energiewende umgesetzt werden kann:

  • Sonnenenergie ist die einzige Primärenergiequelle, die auf Dauer unbegrenzt zur Verfügung steht. Die Entwicklung der Photovoltaik in den letzten 20 Jahren weist enorme Fortschritte auf der Kosten- wie auf der Technikseite aus. An Pfingsten 2012 wurden 40 % des bundesdeutschen Strombedarfs (allerdings in einer Sondersituation mit viel Sonne und wenig Industriebedarf) durch Photovoltaik-Strom gedeckt. Photovoltaik-Anlagen sind zumindest in der Bundesrepublik nur als dezentrale Versorgungsstruktur sinnvoll. Die mit Photovoltaik bestückbaren Dächer von Gewerbe- und Wohngebäuden reichen mehr als aus, um den gesamten Strombedarf zu decken.
  • Ein weiterer maßvoller Ausbau der Windenergie im gesamten Bundesgebiet ist sinnvoll. Länder wie Baden-Württemberg und Bayern haben damit noch kaum begonnen. Die aktuell von der Bundesregierung geplante Deckelung von Windkraft an Land und Photovoltaik würde ausgerechnet die Techniken betreffen, mit denen der kostengünstigste Ökostrom hergestellt wird. Die Offshore-Technologie dagegen ist technisch, logistisch und im Hinblick auf das Investitionsvolumen eine erhebliche Herausforderung. Es handelt sich dabei außerdem um zentrale Technologien, die maßgeblich zu dem erforderlich gehaltenen Netzausbau führten. Ob Offshore-Windparks jemals wirtschaftlich betrieben werden können ist fraglich, auch im Hinblick auf die bekannten Probleme im Betrieb von Onshore-Windkraft-Anlagen.
  • Entscheidungen über den Netzausbau erfordern ein Zukunftsbild unserer Stromversorgung. Erfolgt eine Weichenstellung hin zu mehr dezentralen, regenerativen Energien oder werden zentrale Strukturen geschaffen? Mit dem Netzausbau muss zukünftig die Frage der Leistungssteuerung einhergehen. Die Möglichkeiten eines Smart Grid, also von intelligenten, steuerungsfähigen Netzen, ist noch nicht ausreichend untersucht und berücksichtigt. Der derzeit diskutierte Netzausbau mit großen Stromtrassen führt eher zu einem „stupid grid“ analog zu den bislang etablierten zentralen Strukturen.
  • Durch das Erneuerbare Energien-Gesetz wurden die bislang etablierten zentralen Strukturen – hinsichtlich Netz, Stromproduktion, Eigentümerschaft und Regulatorik – um dezentrale Strukturen ergänzt. Unter anderem führte dies zu einer Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten an der Stromproduktion. Diesen international beachteten Erfolg gilt es durch entsprechende Regulierungen auszubauen.
  • Die Förderung von Biogas hingegen hat zu verheerenden Folgen in der Landwirtschaft geführt. Bodenpreise sind so angestiegen, dass sie für landwirtschaftliche Bewirtschaf-tung nicht mehr finanzierbar sind. Heu- oder Futterzukauf für Viehbetriebe ist für diese betriebswirtschaftlich kaum noch machbar, da die Betreiber von Biogas-Anlagen mehr bezahlen. Diese Fehlentwicklung muss schnellstens korrigiert werden.
  • Die Frage der Energiekosten muss alternativ und vernetzt untersucht werden. Der Ausbau dezentraler, regenerativer Stromerzeugung, ein darauf angepasster Aus- und Umbau zu einer leistungsfähigen, intelligenten Netzstruktur, sowie neue Speicherungskapazitäten werden zu einer Strompreiserhöhung führen. Ob zentrale Konzepte günstiger wären, ist zu untersuchen, aber nicht zu erwarten. Ohne deutliche Steigerung der Energieeffizienz wird die Energiewende nicht gelingen – sowohl aus Umwelt- insbesondere aber aus Kostengründen. Entsprechende Studien zeigen, dass steigende Energiepreise lang-fristig durch die Nutzung der Effizienzpotentiale sowohl in privaten Haushalten als auch in der Industrie kompensierbar sind.
  1. Echt toll der Beitrag ich würde mich freuen wenn es viele weitere Blogger geben würde die sich mit diesen Thema befassen. Denn die Energiewende ist für mich und viele weitere wie ich denke das wichtigste was Deutschland zur Zeit der Welt beweisen kann.

  2. Barbara Ruths

    vielen dank für diesen ausführlichen Bericht zum Thema Energie-(W)Ende?
    ich hoffe es ist ok, Teile daraus als Argumente zu nutzen.
    Die Organisationen Compact und avaaz rufen übrigens dazu auf, in Zeitungen usw. Argumente für den Erhalt der Energiewende zu veröffentlichen, damit eine breite Bevölkerung infos bekommt.

    • Bettina Schmoll

      Hallo Barbara,
      wir freuen uns, wenn du dich unserer Argumentation zur Energiewende anschließen kannst.
      Canmpact hat zur Energiewende auch einen Aufruf gestartet https://www.campact.de/
      Viele Grüße
      Bettina Schmoll
      Für die Online Redaktion

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