Misch dich ein! Gastbeitrag vom Wirtschaftsmagazin enorm

Sich einsetzen und engagieren, das will unser Autor schon länger. Nur wo zuerst anpacken? Und wie viel bewirkt der Einzelne tatsächlich? Eine Reise zu Menschen, die Zweifel überwunden und einen Weg gefunden haben, etwas zu bewegen.

enormBei der Sinnfrage, Nr. 3 auf dem Bewerberbogen der Freiwilligenagentur, komme ich ins Stutzen. „Warum möchten Sie sich engagieren?“ Meine Beraterin, eine schnell sprechende Frau mit langen weißen Haaren, hat mir eine dicke blaue Mappe auf den Tisch gelegt. Sie ist prall gefüllt mit sozialen Projekten und Initiativen, bei denen ich mich engagieren könnte, von der Aids-Hilfe bis zum Café der Nachbarschaft, vom Kiezmanagement bis zum Volksentscheid. Es gibt die verschiedensten Möglichkeiten, 160 Angebote alleine in meinem Viertel. Dahinter die Stadt, das Land, die ganze Welt.

Seit Jahren treibt mich ein unbestimmtes Gefühl um. Viele kennen das: Ich arbeite, habe Zeit für Hobbys und Familie, reise viel – nur für andere, für die Gesellschaft gar, tue ich wenig bis gar nichts. Die Ahnung, dass es so nicht weitergehen kann, dröhnt dabei dumpf mit. Beim Frühstückskaffee, wenn die Zeitung mal wieder die zunehmende Spaltung der Gesellschaft thematisiert. Oder bei der überflüssigen Autofahrt, auf der ich im Radio höre, dass der Klimarat ein neues Wirtschaftssystem fordert. Mein Eindruck bestätigt sich leider immer wieder: Weder Politik noch Wirtschaft werden den Wandel auf den Weg bringen, den ich mir wünsche. Den viele sich wünschen.

Frage Nr. 3 wäre damit immerhin beantwortet. Ich muss aktiv werden, nur wie? Meine letzte Demo war 2003 gegen den Irakkrieg, mein letztes Ehrenamt, das als Handballtrainer, ungefähr 1991. Sollte ich die wenige Zeit, die mir neben Job und Familie bleibt, dafür verwenden, Biokartoffeln direkt vom Bauern zu holen? Oder lieber, um mit einer Stadtteilgruppe über Mieten zu diskutieren? Ist es sinnvoller, Flüchtlingen zu helfen oder einer professionellen NGO Geld zu überweisen? Und: Funktioniert wahres Engagement auch nebenberuflich oder muss ich gleich mein ganzes Leben umkrempeln, wenn ich Wirkung erzielen möchte?

Statt zur Berliner Freiwilligenagentur hätte ich mit meinen Fragen auch zur Caritas gehen können, die an 60 Orten in Deutschland sogenannte Engagement-Berater hat. Auch die Aktion Mensch bietet eine Online-Datenbank mit „15.182 Möglichkeiten, sich zu engagieren“.  Das bringt die Schwierigkeit, sich zu entscheiden, mit sich. Klaus Hurrelmann, Jugendforscher an der Berliner Hertie School of Governance, nennt sie ein „grundlegendes Problem der Multi-Options-Gesellschaft“. Hurrelmann beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema soziales Engagement. Er sagt, dass sich junge Menschen immer weniger zu Parteien oder großen Organisationen hingezogen fühlen, wie zum Beispiel Amnesty International oder der Naturschutzorganisation WWF. Dadurch rücken schier unendliche Möglichkeiten in den Blick: von der Stadtteilinitiative bis zum Klick-Aktivismus im Netz. „Die enorme Vielfalt der Möglichkeiten führt dazu, dass Entscheidungen aufgeschoben oder sogar unmöglich gemacht werden“, sagt Hurrelmann.

Ich beschließe also, Leute kennenzulernen. Ich treffe Leute, die sich einbringen, auf ganz persönliche und unterschiedliche Art und Weise. Wie Kora Rösler, die früher als Projektmanagerin Konferenzen wie den Internationalen Weltjugend-Nachhaltigkeitsgipfel organisierte  – und dann ihren Job aufgab, um lieber ihren eigenen Alltag nachhaltig zu gestalten. Oder Cornelius Nohl, der statt zu einer NGO lieber zum größten global agierenden Telekommunikationsunternehmen Telefónica ging, um nun mit dem Programm „Think Big“ Jugendliche zu nachhaltigem Engagement zu motivieren. Oder Vanessa Wendel, die einen eigenen Verein gegründet hat, um auf eigene Faust Hilfsgüter nach Syrien zu bringen. Ich bin auf der Suche nach der Art von Engagement, die zu mir am besten passt.

Den vollständigen Artikel von Hilmar Poganatz lest ihr in enorm Heft 3/2014.

Fortsetzung

folgt in loser Reihe mit weiteren Gastbeiträgen aus den Zeitschriften “Wald”, “Werde”, info3 und “enorm”.

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