Raus aus der Versorgungsmentalität – hin zu verantwortlichem Handeln

Entlang ihrer Biographie und der ihres Mannes Hermann Scheer zeichnet Irm Pontenagel im Gespräch den erfolgreichen Weg der erneuerbaren Energien in Deutschland nach.

Man kennt Sie als Geschäftsführerin der „Vereinigung für Erneuerbare Energien EUROSOLAR“. Wie wurden Sie zur streitbaren Anwältin der Energiewende?

Die Frage müsste eigentlich lauten: Wie bin ich ein politischer Mensch geworden? Das begann in den 60ern, genauer gesagt 1966, als ich für ein Jahr in Schweden war und dort die ersten Proteste gegen den Vietnamkrieg miterlebte. Als es dann in Deutschland losging, musste ich zurück nach Heidelberg, in die politisch überaus aktive Studentenstadt, die für mich auch eine biografisch folgenreiche Begegnung bereithielt. Denn bei den Teach-ins und Diskussionen gab es einen jungen Mann, der das ziemlich geschickt machte … Hermann Scheer!

… Ihr späterer Mann. Und der Mensch, an dessen Seite Sie bis zuletzt gemeinsam für erneuerbare Energien gekämpft haben …

Die Politik bestimmte tatsächlich von Anfang an unsere Ehe. Wir folgten beide Willy Brandt. Hermann Scheer wurde Mitglied der Jusos. Ich ging in die ASF, die „Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen“.

Zu dieser Zeit deutete bei Ihnen beiden scheinbar noch nichts auf Ihr späteres Engagement für Solarenergie hin – wie hat dieses Lebensthema zu Ihnen gefunden?

Bei mir war der Auslöser eine Erfahrung im Kindergarten unserer Tochter. Dort gab es als Folge der Emissionslage im Stuttgarter Talkessel viele Krupphustenerkrankungen. Da wir als ASF damals auch die ersten Aktionen gegen den Ozonkiller FCKW gestartet hatten, wurde für mich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Umweltbelastung und Krankheit immer drängender. Hermann Scheer, der seit 1980 Mitglied des Bundestags war und sich intensiv mit Abrüstungsfragen auseinandergesetzt hatte, musste sich zwangsläufig auch mit der friedlichen Nutzung der Kernenergie befassen. Es waren Wissenschaftler, die ihn auf die bereits bestehenden technischen Alternativen zu fossilen und nuklearen Brennstoffen aufmerksam machten. Das bewirkte bei ihm einen Gedankensprung.

Wie kam es dann 1988 zur Gründung von EUROSOLAR?

Wir mussten außerparlamentarisch dafür sorgen, dass das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Energiewende wächst, und haben daher die überparteiliche und gemeinnützige Bürgerorganisation EUROSOLAR gegründet.

Worum ging es in den Anfangszeiten von EUROSOLAR?

Die Techniken waren ja da: Fotovoltaik-, Wasserkraft- und Windkraftanlagen. Worauf es ankam, war der Beginn einer Massenproduktion, damit die Kosten für die erneuerbaren Energien gesenkt werden konnten. Also war das Ziel eine Gesetzesinitiative. Die großen Energieunternehmen konnten die Kosten für ihre Kraftwerke auf den Preis umlegen – das musste auch für alternative Energien gelten! So kam es zwangsläufig zu dem von uns geforderten, inzwischen sehr erfolgreichen und von vielen Ländern kopierten Energieeinspeisegesetz.

Durchgefochten gegen den Widerstand der Energiekonzerne …

Die Auseinandersetzungen gingen bis vor den Europäischen Gerichtshof. Doch Hermann Scheer hatte frühzeitig die Bedeutung der Rechtsfragen erkannt und mit einigen Fachjuristen die „Zeitschrift für Neues Energierecht“ gegründet. Am Ende wurde die Behauptung, das Einspeisegesetz sei eine „unzulässige Beihilfe“, dann auch widerlegt.

Welcher weiteren Mittel hat sich EUROSOLAR zur Durchsetzung seiner Ziele bedient?

Eigentlich ging es immer um Aufklärung. Denn das größte Problem war und ist: Desinformation und halbrichtige Darstellung. Wenn man Informationen weglässt, bekommen die Menschen ein gefährlich falsches Bild von den Sachverhalten. Anfangs hieß es, der Anteil der erneuerbaren Energie sei immer nur additiv und könne niemals mehr als acht Prozent erreichen. Heute beträgt allein der Anteil an der Stromerzeugung 17 Prozent!

Wo steht EUROSOLAR heute?

Erneuerbare Energie ist dann besonders effizient, wenn sie direkt beim Verbraucher produziert wird und ganz kurze Wege hat. Wenn Stadtwerke im Zusammenspiel mit Kommunalparlamenten, Kreistagen oder Bürgermeistern über die erneuerbaren Energien neue Wertschöpfungsketten aufbauen, bleibt das Geld in der Region. Womit ein wesentlicher Schritt aus der Versorgungsmentalität heraus, hin zu eigenverantwortlichem Handeln getan ist. Unter dem Begriff der „Rekommunalisierung“ machen wir das aktuell vielen Menschen bewusst.

Welche Herausforderungen erwarten Sie für die Zukunft?

Wir müssen uns mit dem Begriff der „Harmonisierung“ auseinandersetzen, wie er etwa von EU-Kommissar Günther Oettinger propagiert wird. Bei diesem Ansatz macht jedes Land nur noch das, was es am besten kann – Windenergie wird in riesigen Off-Shore-Parks und Solarenergie in Projekten wie „DESERTEC“ produziert. Alles groß, zentral und weit weg vom Verbraucher. Der Vorteil für die Energiewirtschaft: Sie kann als Anlagen- und Netzbetreiber ihre Macht behalten. Verkauft wird das unter dem Begriff der „Effizienz“. Effektiv ist das jedoch mitnichten. Effektiv sind die dezentralen und preiswerten Strukturen – das kann man zeigen!

Das Interview führte Ralf Lilienthal

 

Zum Hintergrund

Irm Pontenagel und ihre Tochter Dr. Nina Scheer haben die gemeinnützige Hermann-Scheer-Stiftung gegründet, die sich der Verbreitung des geistigen Erbes Hermann Scheers annimmt. Dr. Hermann Scheer (geboren 1944) war nach seinem Studium der Wirtschafts-und Sozialwissenschaften ab 1980 Mitglied des Bundestags sowie langjähriges Mitglied des SPD-Parteivorstands und Vorsitzender des Unterausschusses „Abrüstung und Rüstungskontrolle“. Er erhielt zahlreiche Preise, unter anderem den Alternativen Nobelpreis, und war Initiator, Gründer und Präsident von EUROSOLAR. Hermann Scheer war Wegbereiter des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, des „100.000-Dächer-Solarstromprogramms“ und der „Internationalen Agentur für erneuerbare Energien“ (IRENA). Er starb unerwartet am 14.10.2010. Sein Buch „Der energethische Imperativ“ zeigt, wie der vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien realisierbar ist.

 

Mehr zu EUROSOLAR e.V. unter www.eurosolar.de

Mehr zur Hermann-Scheer-Stiftung unter www.hermann-scheer-stiftung.de

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