Radreise in eine enkeltaugliche Zukunft

Immer wieder unterstützt die GLS Bank Menschen und zukunftsweisende Initiativen über ein Sponsoring. So auch die politische Radreise im Mai 2015. Wo die Wirtschaft schrumpft und die Menschen wegziehen, entsteht nicht nur Leere, sondern auch Freiraum für Experimente und neue Lebensweisen. Mit dem Fahhrad erkundeten 18 Menschen verschiedensten Alters das Land zwischen Potsdam und Bitterfeld – eine spannende Region, in der es schon zahlreiche Um- und Aufbrüche ergeben hat.
Johanna Markmeyer, eine Teilnehmerin dieser Radreise, berichtete für uns exklusiv von ihren Erfahrungen und Erlebnissen während der Tour:

In der Woche nach Pfingsten fanden Menschen verschiedensten Alters zusammen, um auf dem Fahrrad durch sogenannte strukturschwache Gegenden Brandenburgs und Sachsen Anhalts zu reisen. Wo zu DDR-Zeiten Chemieindustrie und der Abbau von Kohle die Massen beschäftigt hat, scheint heute nur die Luft zum Atmen lebenswerter geworden zu sein.
Uns hat interessiert, wie es in der Gegend wirklich aussieht und vor allem, wo und auf welchem Weg sich dort alternative Wirtschaftsformen und interaktive Gruppen herausbilden, um produktiv zu werden.

Zwischen Potsdam und Bitterfeld haben wir deshalb Menschen gesucht und gefunden, die aus den entstandenen Leerräumen Freiräume machen. Sie sind Teil einer lebensbejahenden Bewegung. Die Bewegung, die ich meine, ist eine vielfältige und undogmatische Bewegung, die an einer enkeltauglichen Zukunft arbeitet. Es sind Bauern, die ökologische und solidarische Landwirtschaft betreiben, IT-Fachleute, die ihr Wissen über das Internet mit anderen Menschen weltweit teilen und erweitern. Gemeinschaften, die sich unabhängig von großen Stromanbietern machen, oder durch kulturelle- oder Bildungsarbeit ihre Dörfer beleben. Es sind viele. Und sie leben unabhängig von Konkurrenz und Wachstumszwang.

Mit jedem Projekt, das wir kennenlernten, wurden die Gespräche in der Gruppe, über die verschiedenen Arten zu leben, intensiver. Eine unserer wichtigsten Fragen war, ob und wann der Moment kommt, an dem die nachhaltige Lebensweise, die sich aus der Summe der Projekten ergibt, den Schritt aus der Nische heraus schafft.

Aus der Stadt ist mir die Bewegung bekannt. Aus dem Fenster meiner Wohnung kann ich die Car-Sharing Autos parken sehen, ich tausche regelmäßig Klamotten mit Freunden und es finden nicht selten öffentliche Veranstaltungen in der Uni und an anderen Orten zur Transformation der Gesellschaft im weiteren Sinne statt. An der Reise hat mich persönlich interessiert, ob es ein Landleben in Deutschland gibt, das ich als lebendig und für mich zukunftsfähig empfinde.

Als Kind der Großstadt, war ich glücklich, einmal wieder eine ganze Woche „draußen“ zu sein. Dabei habe ich erneut erlebt, dass man im „Draußen“ mittendrin sein kann. Stadt und Land können sich ergänzen und erweitern, anstatt parallel oder in Abhängigkeit von- und miteinander zu existieren. Wenn der Erlebnispädagoge Veit Urban vom Verein Landlebenkunstwerk sagt: „Ich bin kein Aussteiger – ich bin Einsteiger!“, dann hat dieser Satz nach der Fahrt für mich an Sinn gewonnen.

In der Abschlussrunde mit der Gruppe ist mir bewusst geworden, dass die Vielfalt der Projekte und Lebensweisen, die wir kennengelernt haben, mir Mut gibt, in die Zukunft zu blicken. Die Erfahrungen und persönlichen Kontakte mit den Menschen, die anders leben und wirtschaften, haben mir etwas von dem Druck im Zusammenhang mit Zukunftsfragen und bitteren Prognosen für unsere Gesellschaft und Umwelt genommen. Ich erkenne eine Sicherheit darin, dass das Ziel (noch) nicht festgelegt ist. Ich werde meinen Weg finden, genauso wie die Bewegung ihren Weg findet; nicht gegen das System arbeitend, sondern es kreativ durchwurzelnd. Im Moment wirkt das noch systemerhaltend. Ich hoffe, dass meine Generation einen Arbeitsalltag erleben wird, der, so wie wir es in dieser Woche gesehen haben, nicht dem Wirtschaftswachstum gewidmet ist. Vielleicht kommen wir bis dahin dem produktiven Schrumpfen der ostdeutschen Leerräume schon einen Schritt näher. Und unserem zukünftigen Glück auch.

johanna_markmeyer_blog

Johanna Markmeyer ist 22 Jahre alt und studiert Sozial- und Kulturanthropologie an der TU in Berlin. Sie ist begeisterte GLS Kundin und schaut nach der Radreise zuversichtlich und inspiriert in eine glückliche Zukunft.

 

 

 

 

 

Leitung der Radtour: Thomas Handrich (Politikwissenschaftler) und Annette Jensen (Journalistin und Autorin)

Veranstaltet von: Politische Radreisen

Stationen der Radreise:

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