Aysel Osmanoglu: „Das ist keine Hoffnung, sondern eine Notwendigkeit.“

Aysel Osmanoglu ist zuständig für Infrastruktur sowie IT und Mitglied der Zukunftswerkstatt. Sie ist Vorstandsmitglied und Mitglied der Geschäftsleitung. Im Interview mit Frank Augustin, Wolfram Bernhardt und Leon Schmid von agora42 spricht sie über Geld, Sinn und Nachhaltigkeit.

Frau Osmanoglu, das Motto der GLS Bank lautet: „Das macht Sinn“. Inwiefern „macht“ die GLS Sinn?

Wir unterstützen ausschließlich Initiativen und Projekte, die nachhaltig sind. Und zwar nachhaltig im dreifachen Sinn: sozial, ökologisch und ökonomisch. Genau in dieser Reihenfolge. Der Mensch mit seinen Bedürfnissen steht im Mittelpunkt und im Zusammenhang damit selbstverständlich auch seine Existenzgrundlage: die Umwelt, also das Ökologische. Das Ökonomische wiederum ist eine Konsequenz unserer wirtschaftlichen Interaktion mit anderen Menschen und stets in Austausch und Verbindung mit der Umwelt. Aus diesem Dreiklang erwächst der GLS-Sinn.

Mit Banken verbindet man heute Spekulation, Geldwäsche Zinstricksereien oder irreführende Beratung – ganz sicher jedoch nicht das Schenken. Was hat die Gründer der Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken, kurz GLS, bewegt, sich das „Schenken“ auf die Fahnen zu schreiben?

Mit unserem Namen sprechen wir die unterschiedlichen Qualitäten von Geld an: Es wird zum einen als Kaufgeld verwendet, mit dem wir täglich zu tun haben, wenn wir etwas kaufen, um es zu konsumieren; dann als Leihgeld, das wir als Bank in Form von Krediten und Beteiligungen investieren; und schließlich als Schenkgeld, für mich die ultimative Form des Umgangs mit Geld.

Das Kaufgeld ist eher vergangenheitsorientiert. Wir sagen damit zum Produzenten: „Vielen Dank, dass du das Konsumgut gemacht hast.“ Es zeigt sich darin die Anerkennung für den Produzenten und er wird bestärkt, solche Produkte erneut herzustellen. Das Schenken dagegen ist viel ungebundener: „Mache dich mit deiner Vision auf den Weg, mit deiner außergewöhnlichen Idee. Wir vertrauen auf deine Zukunftskräfte.“ Das Leihgeld ist dazwischen: „Du hast einen konkreten Plan für ein sinnvolles Vorhaben. Wir tragen dazu bei, dass dein Plan aufgeht und werden am Erfolg partizipieren.“

Sie sagten, dass Nachhaltigkeit Ihr zentrales Anliegen ist. Nun ist es allerdings schwierig bis unmöglich, in ökologischer Hinsicht nachhaltig zu investieren, da stets ein Rebound-Effekt (s. Infobox unten) eintritt. Beispielsweise steigt durch Investitionen in Wind-, Solar- oder Bioenergieanlagen das verfügbare Einkommen und entsprechend die volkswirtschaftliche Kaufkraft. Da man den Erwerbstätigen aber nicht verbieten kann, ihr Gehalt auszugeben, werden mehr Konsumgüter gekauft oder gar Flugreisen gebucht. Zudem führt das Bewusstsein, weniger umweltschädlichen Strom zu beziehen, bei vielen dazu, es mit dem Energiesparen nicht so genau zu nehmen. Und so weiter und so fort. Ist es nicht so, dass scheinbar vernünftige Maßnahmen und gute Vorsätze unter den gegebenen wirtschaftlichen Bedingungen nicht fruchten beziehungsweise sich oft sogar in ihr Gegenteil verkehren? Wie gehen Sie mit diesen Widersprüchen um?

Das braucht Zeit und einen Bewusstseinswandel. Die erneuerbaren Energien sind ein gutes Beispiel. Nehmen wir die Elektrizitätswerke Schönau, die nach Tschernobyl aus einer Bürgerinitiative heraus entstanden sind. Bis zur Übernahme der Energieversorgung durch die Bürger*innen hat es zehn Jahre gedauert. Angefangen haben sie mit Stromsparberatungen und -wettbewerben, auch kulturell-kreativ etwa mit ihrer Kabarettgruppe „Wattkiller“. Aus dieser Bildungs- und Bewusstseinsarbeit heraus sind sie ganz folgerichtig bei den regenerativen Energien gelandet und bei der Notwendigkeit, den Monopolisten etwas durch ein eigenes Stromnetz entgegenzusetzen. Mittlerweile sind die EWS ein vielfach prämiertes Beispiel dafür, wie wirtschaftliche Unmündigkeit durch Selbstermächtigung behoben werden kann.

Letztlich kommen wir um einen Wertewandel nicht herum, oder?

Es geht um eine Transformation des Verhaltens. Aber dafür bedarf es zunächst einer Bewusstseinsschärfung. All die Themen, die heute kontrovers diskutiert werden, sind im Grunde nicht neu. Seit den 1970er-Jahren sind sie im Prinzip bekannt. Doch heute sind sie aus den Wissenschaftskreisen in den Mainstream gelangt. Dadurch schärft sich auch in der breiten Öffentlichkeit das Bewusstsein für diese Themen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass es in der Folge auch zu einer grundlegenden Veränderung des Verhaltens kommt.

Seit 2007/2008 hat sich in der Finanzwirtschaft nicht viel verändert, es wird weiter fröhlich spekuliert. Angesichts des krassen Missverhältnisses von Finanz- zu Realkapital müsste eigentlich zuallererst die Menge des global vorhandenen Finanzkapitals massiv reduziert werden, um die enormen Risiken, Wertschwankungen und sinnlosen Investments, die es verursacht, zu reduzieren. Wie kann das gelingen?

Das wirkliche Problem ist doch, dass das viele Geld zum Selbstzweck geworden ist. Dass es nur noch darum geht, aus Geld mehr Geld zu machen und dabei die soziale Komponente des Geldes vergessen wurde. Stellen wir uns einmal vor, was alles mit diesem vielen Geld bewerkstelligt werden könnte, wenn damit das brachliegende Potenzial in der Gesellschaft wachgerufen werden könnte. Kurioserweise bringt das Geld auch den Hochvermögenden immer weniger Sicherheit. Je mehr sie sammeln, umso weniger ist es wert. Und ihren Nachkommen hinterlassen sie eine heruntergewirtschaftete Erde. Im Grunde ist die Antwort auf die Frage, was zu tun wäre, ganz einfach: Das überschüssige Geld muss verschenkt werden, etwa für Forschung und Bildung, Klimaschutz, Grundeinkommen …

Auch wenn das die beste Lösung wäre: Ist das nicht sehr unwahrscheinlich? Woher nehmen Sie die Hoffnung, dass es zu einem solchen Sinneswandel bei den reichen Menschen kommt?

Das ist keine Hoffnung, sondern eine Notwendigkeit.

Lange Zeit formte sich aus der Verbindung aus technologischem Fortschritt, wirtschaftlichem Wachstum und der Vergrößerung des materiellen Wohlstands das gesellschaftliche Leitbild. Heute werden diese Begriffe immer widersprüchlicher und fallen auseinander, die kapitalistische Geschichte ist auserzählt. Was könnte eine neue Erzählung sein?

Die neue Erzählung ist eine Geschichte des Gemeinschaftlichen und der Lebensqualität. Die Inselmentalität, das Individuum als isoliertes Wesen, das seine Besitztümer um sich schart, bietet keine erfüllende Aussicht mehr. Es geht um das Miteinander und Füreinander. Wir brauchen einen sozialen Beziehungswohlstand. Das hängt eng zusammen mit der menschlichen Einbindung und mit entsprechenden Wirtschaftsmodellen.

Es spricht einiges dafür, dass es zu einer erneuten Weltwirtschaftskrise mit unabsehbaren Folgeerscheinungen kommt. Ist gesellschaftliche Resilienz – Widerstandsfähigkeit in Bezug auf Krisen – ein Thema für Sie? Betreiben Sie Krisenvorsorge?

Das ist nicht unsere vorrangige Intention. Wir machen unsere Arbeit, weil wir sie hier und jetzt für sinnvoll und für menschengerecht erachten. Im Ergebnis wird es aber sicherlich so sein, dass die ökologische Landwirtschaft, das genossenschaftliche Wohnen oder die erneuerbaren Energien resilienter sind, auch aus der Sicht von Investoren.

Methodisch erproben wir die Perspektive von Rand- und Extremsituationen seit unserer Zukunftswerkstatt 2015. Wir haben uns zunächst aktuelle Entwicklungen angesehen und gefragt, welche Umbrüche anstehen und wie wir damit umgehen sollten. Welche Folgen hat etwa die Digitalisierung? Welche Bedeutung haben die Migrationsbewegungen unserer Zeit? Überall ist von Disruption die Rede. Bei uns liegt der Fokus darauf, wie wir diese Umbrüche gestalterisch nutzen können. In diesem Zusammenhang haben wir auch unsere politischen Ziele formuliert und uns vorgenommen, auf gesellschaftlicher Ebene Agenda-Setting zu betreiben. Und uralte Prinzipien aus der Gründerzeit der GLS Bank haben wir ganz neu aufgegriffen, etwa die Gegenseitigkeit. Wie können wir gleichberechtigt und auf Augenhöhe solidarisch miteinander arbeiten? Daraus ist dann etwa unsere Plattform elinor.network entstanden, wo sich jetzt Menschen solidarisch absichern können. Das, was eine Gesellschaft letztlich trägt und sie resilient macht, sind solidarische (Infra-)Strukturen.

Was ist für Sie persönlich Sinn?

Sinn ist das, was jeden Einzelnen bewegt. Und das versuche ich, mein Leben lang herauszufinden. Warum bin ich hier? Um den Sinn zu finden. Es kann nicht darum gehen, nach Bequemlichkeit zu streben. Auf dem Weg zu sein und nach meiner Aufgabe im Leben zu suchen, das ergibt für mich Sinn.

Frau Osmanoglu, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Bei diesem Interview handelt es sich um eine gekürzte Fassung. Die vollständige Version lesen Sie in der neuen Ausgabe des Magazins agora42 (3/2019; Thema: SINN).

[dark_box]agora42 sinn aysel osmanogluagora42 ist das philosophische Wirtschaftsmagazin. Die Themenhefte widmen sich den großen Fragen der Ökonomie wie etwa Wachstum, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit oder Geld – anspruchsvoll und verständlich. Ökonomie ohne Philosophie ist leer. Denn was ist der menschliche Bedarf? Wer bestimmt die Ziele? Was ist Wohlstand? Geht es auch ohne Wachstum? Philosophie hingegen, die sich um die ökonomischen Gegebenheiten nicht schert, ist blind für das tatsächliche Leben der Menschen. agora42 ist die unabhängige Plattform für Positionen, Austausch und Visionen. Die aktuelle Ausgabe zum Thema: „SINN“ ist nun erhältlich. Mehr Infos unter: agora42.de [/dark_box]

[green_box]Rebound-Effekt
In der Ökonomie ist der Rebound-Effekt auch als Jevon’s Paradoxon bekannt. William Stanley Jevons (1835–1882) beschrieb in seinem Buch The Coal Question, dass technische Erfindungen, die die Energieeffizienz verbessern, einen erhöhten Energieverbrauch zur Folge haben, sodass es unter dem Strich nicht zu einer Energieeinsparung kommt. Jevons bezog sich dabei auf die Effizienzsteigerung durch die Einführung der kohlebefeuerten Dampfmaschine in England, die von einem Anstieg des Kohleverbrauchs begleitet wurde. Hierbei handelt es sich um einen finanziellen Rebound-Effekt, da für die Unternehmen mit zunehmender Effizienz auch die Kosten der Produktion sinken – und die Unternehmen diese Einsparungen nutzen, um durch Preissenkungen Konkurrenzvorteile zu erzielen. Die gesunkenen Preise wiederum führen zu einer Erhöhung der Nachfrage. Neben solchen finanziellen gibt es auch noch materielle, psychologische und politische Rebound-Effekte.[/green_box]

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5 Antworten zu „Aysel Osmanoglu: „Das ist keine Hoffnung, sondern eine Notwendigkeit.““

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  3. Avatar von Dirk Schumacher

    |

    Sehr geehrte Frau Osmanoglu,
    vielen Dank für das Interview. An einer Stelle sagen sie folgendes:
    „…Das wirkliche Problem ist doch, dass das viele Geld zum Selbstzweck geworden ist. Dass es nur noch darum geht, aus Geld mehr Geld zu machen und dabei die soziale Komponente des Geldes vergessen wurde….“
    Da stehe ich auch. Und hadere sehr mit dem GLS-Beitrag, der ja auf der Generalversammlung 2017 beschlossen wurde.
    Einerseits wird an dieser Stelle versucht, einen Teil der Gesamtkosten auf alle Schultern zu Verteilen: jeder trägt mit 60 EURO pro Jahr dazu bei (auf Antrag gibt es Reduzierungsmöglichkeiten, ich weiß);
    An den Überschüssen partizipieren aber nur Anteilseigner – und zwar entsprechend der Anzahl von Anteilen.
    Perfider Weise wird von der GLS-Bank unter anderem damit geworben, doch mehr Anteile zu zeichnen, damit über die Erträge aus den Anteilen die 60 EURO sozusagen kompensiert werden.
    Ihre obige Aussage ernst zu nehmen würde für mich bedeuten, entweder:
    – die Überschüsse dazu zu verwenden, den 60 EURO-Beitrag für alle zu reduzieren und/oder
    – die Überschüsse pro Anteilseigner und nicht pro Anteilsanzahl auszuschütten und/oder
    – sozial, ökologisch und ökonomisch sinnvolle Projekte zinslos zu stellen.
    – Auf keinen Fall Menschen mit der Rendite-Versprechung dazu zu animieren, GLS-Anteile zu zeichnen.

    Ich würde mich sehr über eine zukunftsgerichtete Antwort freuen – orientiert an dem was wünschenswert ist und nicht an dem, wie es wohl gesellschaftlich zu sein scheint.

    Mit lieben Grüßen
    Dirk Schumacher
    (mein Name darf hier stehen bleiben)

    1. Avatar von Aysel Osmanoglu
      Aysel Osmanoglu

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      Lieber Herr Schumacher,

      danke für Ihre Rückmeldungen zum GLS Beitrag sowie zu einer fairen und sozialen Bezahlung unserer Bankdienstleistungen. Für die GLS Bank ist das eine ganz wesentliche Thematik.
      In Ihrem Kommentar werden die Widersprüche sehr deutlich, in denen wir uns damit befinden: Auf der einen Seite erbringen wir mit unserer sozialen und ökologischen Ausrichtung mehr Leistungen als andere Banken und haben damit zusätzliche Kosten. Auf der anderen Seite wollen wir zugänglich sein für alle Menschen. Zum GLS Beitrag hat darum die Generalversammlung 2016 für einige Personengruppen einen reduzierten Beitrag beschlossen. Damit kann die Kernleistung der GLS Bank – zu der derzeit etwa auch das Engagement für den Klimastreik gehört – weiterhin zuverlässig erbracht werden. Gleichzeitig ist unser Angebot insgesamt im Vergleich zu anderen Banken nicht teuerer – obwohl wir zusätzlich Kernleistungen erbringen.
      Was wir nicht nachvollziehen können, ist Ihre Zuordnung des GLS Beitrages zu der Verzinsung der GLS Bank Anteile. Diese werden aus unserem Kreditgeschäft erwirtschaft, für das die Anteile die Voraussetzung sind. Mit dem GLS Beitrag werden unsere Kernleistungen bezahlt. Nur so können wir weiterhin für Nachhaltigkeit aktiv sein. Das ist hoffentlich auch in Ihrem Sinne.

      Herzliche Grüße

      Aysel Osmanoglu

    2. Avatar von Dirk Schumacher

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      Sehr geehrte Frau Osmanoglu,
      schade dass Sie diese für mich nicht nachvollziehbare Trennung machen zwischen
      – Kosten Kerngeschäft (von allen Kunden und Mitgliedern zu tragen) und
      – Erträge aus Kreditgeschäft (kommt nur Anteilseigener zugute)
      Die Einführung des GLS-Beitrages wurde mit der allgemein sinkenden Zinsmarge begründet. Dort wurde diese Trennung nicht gemacht sondern geschaut, wie die Kosten der Bank gedeckt und den Anteilseignern irgendwie trotzdem noch Dividenden im marktüblichen Bereich zugestanden werden können.
      Zukunftsweisende Ideen habe ich skizziert und ich wäre sehr froh gewesen, wenn sie weitere Ideen dazu in der Hinterhand gehabt hätten.

      Mit lieben Grüßen
      Dirk Schumacher

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