Johann Gerdes
2020 hat Johann Gerdes – eine Autostunde von Berlin entfernt – den Beerfelder Hof übernommen. Dort baut er Kartoffeln, alte Getreidesorten und Hülsenfrüchte an. Zwischen den Äckern weiden seine Rinder. Der Landwirt denkt in Kreisläufen und arbeitet an zukunftsgerichteten Lösungen für die Landwirtschaft.
Steht die deutsche Landwirtschaft an einem Wendepunkt? Bio-Landwirt Johann Gerdes blickt auf seine Branche: Sie ist auf hohem Technisierungsgrad angekommen, doch der Handlungsspielraum vieler Betriebe wird immer kleiner. Welche Rolle der Ökolandbau spielt, vor welchen großen Herausforderungen er steht und was ihn dennoch zuversichtlich stimmt, erzählt der studierte Ökoagrarmanager im Interview.
1.
Wo steht die deutsche Landwirtschaft heute?
Die deutsche Landwirtschaft ist auf einem hohen professionellen Technisierungsgrad angekommen – von zum Beispiel Melk- und Fütterungsrobotern in der Tierhaltung bis hin zu selbstfahrenden, extrem komfortablen Erntemaschinen. Die Substitution von menschlicher Arbeit durch Technikeinsatz wurde stark vorangetrieben. Dadurch hat sich der Kapitaleinsatz pro Arbeitsplatz in den vergangenen 20 Jahren von ursprünglich etwa 400.000 Euro verdoppelt. In Zeiten relativ niedriger Zinsen konnten viele Betriebe stark wachsen.
Aktuell habe ich den Eindruck, dass die deutsche Landwirtschaft an einem Wendepunkt steht: Die Technik ist häufig nicht ausgelastet, Flächen sind teuer und die Kosten für Arbeit und Kapital (Betriebsmittel, Maschinen, Löhne, Zinsen) sind gestiegen. Für viele der zuletzt noch gewachsenen Betriebe wird der Handlungsspielraum immer kleiner. Diese Zuspitzung verunsichert und führt zu Unmut und war meines Erachtens auch der Grund für die großen Bauernproteste vor zwei Jahren. Mittlerweile ist Ruhe eher durch Resignation eingetreten anstatt durch Zuversicht.
2.
Welche Rolle spielen die Bio-Landwirt*innen und wie wichtig ist das regionale Engagement von kleinbäuerlichen Betrieben?
Eine diverse Agrarstruktur generiert eine abwechslungsreiche Landschaft. Damit zeichne ich das Bild von vielen, eher kleineren Gemischtbetrieben mit regional verankerten Landwirtsfamilien. Zum Bild zählt auch, dass Eigentum an landwirtschaftlichem Grund und Boden breit gestreut ist. Spezialisierte Ackerbau-Großbetriebe dagegen bewirtschaften eher ganze Landstriche einheitlich. Das beeinflusst Agrarökosysteme, führt zu einem Verlust von Biodiversität und verringert den Erholungswert von Landschaft. Artenvielfalt entsteht eher zwischen zwei Feldern oder auf Weideflächen. Ökolandbau hilft also dabei, Biodiversität zu erhalten. Der in der kurz- und mittelfristigen Perspektive ökonomische Nachteil der Nicht-Spezialisierung und der Verzicht auf Effizienzvorteile bedeuten aus meiner Sicht auch einen erheblichen Vorteil im Hinblick auf die Ernährungssouveränität. Die Agrarrohstoffe werden zwar nicht maximal günstig produziert, aber es gibt eine Vielzahl von Erzeuger*innen, die schnell auf sich verändernde Bedarfe auf regionaler Ebene reagieren können.
Die Gefahr in Großbetriebsstrukturen ist, dass wenige Menschen über große Flächen oder Erntemengen entscheiden. Menschen machen Fehler – was okay ist, solange die Konsequenzen keinen Schaden anrichten. Wenn der Geschäftsführer einer Agrarholding jedoch dem Traktoristen aus der Ferne nicht mehr vermitteln kann, wo es sinnvoll ist, einen Altgrasstreifen beim Mähen stehen zu lassen, dann leiden eben Vögel und Insekten – und die Bevölkerung hat kaum eine Handhabe. Und wenn ein Geschäftsführer einer Agrarholding glaubt, es sei eine witzige Idee in einer weit entfernten Großstadt eine irrwitzig große Menge Kartoffeln zu verschenken, zerstört er regionale Vermarktungsstrukturen.
3.
Was sind zentrale Herausforderungen in der Bio-Landwirtschaft? Welche Probleme müssen dringend gelöst werden?
Auf den Höfen muss genügend Geld ankommen, damit die positiven Externalitäten der Landwirtschaft wie Artenschutz, Klimaschutz, Tierschutz auch weiterhin von ihr erbracht werden können. Die Herausforderung besteht darin, dass Wachstums- und Spezialisierungstendenzen auch im Ökolandbau stattfinden. Für den landwirtschaftlichen Öko-Unternehmer bedeutet das einen erhöhten Kapitalbedarf, Abhängigkeit von anonymen Märkten und Austauschbarkeit. Für die Natur und die Gesellschaft bedeutet dies, dass kleinräumige Landschaften, Weidetierhaltung und Biodiversität, sogenannte Koppelprodukte, nicht mehr so einfach nebenbei entstehen.
Aktuell gehe ich davon aus, dass der Produktpreis, also das, was wir als Lebensmittelkunden bezahlen, die meisten Betriebe nicht retten wird. Die Märkte sind zu anonym und intransparent. Eine Lösung des Problems könnte sein, Märkte für Biodiversitätsleistung, Tierwohl, Gewässerschutz und Klimaschutz zu schaffen. Naheliegend wäre im ersten Schritt eine Agrarförderung, die nicht einfach nur irgendeine unspezifizierte Art von Flächenbewirtschaftung und somit indirekt immer nur den Landeigentümer subventioniert, sondern den Landwirt, die Landwirtin unterstützt – häufig sind die Flächen ja nur gepachtet.
Die letzte gemeinsame Agrarpolitik hatte hier zumindest erste gute Ansätze, die bei der Neuauflage nach 2027 wegzufallen drohen. Man glaubt in der EU-Kommission, den Landwirt*innen durch Entbürokratisierung entgegenzukommen, erreicht dadurch aber eine Landwirtschaft, die die Akzeptanz der Bevölkerung mehr und mehr verliert. Landwirt*innen brauchen aber nur kompetente Unterstützung bei der Bewältigung der administrativen Hürden, zum Beispiel durch eine kostenlose Antragshilfe oder Dokumentationsunterstützung.
4.
Was stimmt Sie dennoch zuversichtlich?
Ich gehe fest davon aus, dass es mittelfristig noch genügend motivierte Kund*innen gibt, die den Wert regional agierender Landwirtschaft erkennen und sich darüber im Klaren sind, dass ihre Konsumentscheidung die Bauernhöfe mitgestaltet. Zumindest so viele Kund*innen, dass eine kritische Masse an Best-Practice-Betrieben fortbestehen. Durch diese Vorbild-Betriebe bleibt Wissen und Handwerk für die Zukunft erhalten. Im besten Fall ist mein Betrieb einer von diesen.
Ich habe Hoffnung, dass die Ausgestaltung der Agrarfördergelder uns doch weiterträgt, als aktuell erwartbar. Denn ich sehe, wie erfolgreich wir sein können, wenn alle hochmotiviert mitarbeiten, und ich freue mich darüber, dass gerade mehr Bewerbungen um Ausbildungs- und Arbeitsplätze eingehen, als wir anbieten können.
5.
Stellen wir uns vor, Sie könnten sich einen optimalen Verbraucher zusammenstellen. Welche Einstellung hätte dieser Mensch, wo würde er einkaufen?
Ich mag keine moralischen Zeigefinger, aber wenn ich so gefragt werde: Je besser die Kund*innen die Erzeuger*innen kennen, desto besser können sie sie unterstützen. Diese Nähe ist in der Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi) oder im Direktvermarktungsbetrieb am größten, ist aber in urbanen Ballungsräumen schwierig zu realisieren: Es erfordert ein großes Engagement der Kund*innen, die weiten Wege aus der Stadt heraus auf sich zu nehmen.
Mein Hof, der Beerfelder Hof (mehr dazu im Magazinbeitrag „Der Unbeirrbare“), ist keine klassische SoLaWi und die Direktvermarktung ist eher marginal beziehungsweise im Aufbau. Ich glaube jedoch daran, dass eine gewisse Arbeitsteilung Kostenvorteile generiert, die allen Akteur*innen einer Wertschöpfungskette zugutekommen. Ich glaube daran, dass bei der Weitergabe der Produkte von Handelspartner*in zu Handelspartner*in Geschwisterlichkeit entsteht. Und dass Informations-Asymmetrien nicht zu Machtmissbrauch und somit langfristig zu Marktversagen führen.
Konkret ist mein Wunsch an jeden Verbrauchenden, sich möglichst häufig zu hinterfragen, welchen Einfluss eine Konsumentscheidung hat und welche Alternativen es gäbe: Jetzt schnell das Convenience-Produkt essen? Oder habe ich Zeit, Kartoffeln zu schälen, und nutze die Zeit des Kochens zum Beispiel für ein angenehmes Telefonat? Muss der Urlaub mittels Flugreise angetreten werden und weit weg sein? Oder tut es auch die Ferienwohnung auf dem Bauernhof in der Region?





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