Commons - Anders Wirtschaften

Anders Wirtschaften mit Commons

Wirtschaften ist mehr als Waren produzieren: Silke Helfrich, Mitbegründerin des Commons-Instituts und des Netzwerks Ökonomischer Wandel (NOW), spricht im Interview über die Abhängigkeiten von Markt und Staat, dass es gelingende Beziehungen braucht und wie ein anderes Wirtschaften aussehen kann.

Silke Helfrich - Commons
Silke Helfrich

Was bedeutet „Commons“ genau, wie würden Sie das übersetzen?

Commons sind gemeinsam hergestellte, gepflegte und genutzte Dinge unterschiedlicher Art. Im Deutschen gibt es dafür das Wort Gemeingüter, was aber zu sehr auf die „Güter“ fokussiert. Es geht aber nicht nur um die Güter, sondern auch um uns. Darum, wie wir mit den Dingen umgehen, wo ich mit anderen Verantwortung für etwas übernehme. Daher verwenden wir auch im Deutschen das Wort Commons.

Ihr aktuelles Buch heißt „Frei, fair und lebendig – Die Macht der Commons“. Was läuft aus Ihrer Sicht beim Kapitalismus falsch?

Das steckt schon im Begriff! Kapitalismus heißt: Kapital wird zur Geisteshaltung. Alles wird auf Kapitalisierung ausgerichtet, alles muss sich rechnen: unser Wirtschaften, unser Denken und sogar unser Fühlen. Eine solche Ideologie ist langweilig und fantasielos. Sie erzeugt immer wieder die gleichen Probleme: die Spaltung der Gesellschaft, die Erschöpfung der Menschen und die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen.

Wie kann diese „Ideologie“ geändert werden?

Wer anders wirtschaften will, braucht auch andere Regeln, Entscheidungsverfahren, Technologien und Handlungslogiken, eine andere Haltung. Mit „Commons“, einer Sphäre „jenseits von Markt und Staat“, wie Elinor Ostrom formulierte ist so eine andere Haltung gemeint. Ostrom ist die erste Frau, die jemals den Wirtschaftsnobelpreis erhielt. Das war 2009, kurz nach der Finanzkrise. Man erinnerte sich daran, dass Wirtschaften mehr ist als Waren produzieren, aber die meisten Wirtschaftswissenschaftler und sogenannten Wirtschaftsweisen wissen entweder nichts darüber oder sie blenden es aus.

Wir sehen nicht, wie viel an anderen Faktoren hängt: zum Beispiel an gelingenden Beziehungen oder an gerechter Vorverteilung von grundlegenden Dingen, die wir alle zum Leben brauchen: etwa Land, Wohnraum, Wissen und Bildung.

Wie meinen Sie das?

Nun, das dominierende Wirtschaftsverständnis geht mit der Idee einher, jeder sei des eigenen Glückes Schmied. Ein Kollege hat das kürzlich so kommentiert: „Wir sind alle fremdversorgte Fremdversorger und denken uns als Selbstversorger von Geld.“

Die Beziehungen, von denen Sie gesprochen haben, lassen sich schlecht in Geld messen …

Genau, wir sind Beziehungswesen, werden quasi „durch“ die anderen zu individuellen Persönlichkeiten. Ich und Wir stehen sich nicht entgegen. Das eine ist ohne das Andere gar nicht denkbar. Doch wir hängen nicht nur von anderen in vielfältiger Weise ab, so wie sie auch von uns, sondern auch von Lebensräumen. In der Fachsprache nennt man dieses Netz gegenseitiger Abhängigkeiten Interdependenz.

Ein Wirtschaften, das die Interdependenz im Blick behält würde die Ausbeutung von Naturreichtümern auf Kosten künftiger Generationen ebenso wenig akzeptieren wie die Absurdität, dass in Bulgarien ausgebildete Chirurginnen aufgrund der Arbeitsmarktlage in Deutschland operieren oder unser Gesundheitsminister in Mexiko Pflegekräfte anzuwerben sucht, geradeso als gäbe es in Bulgarien und Mexiko keinen Bedarf an Chirurginnen oder Pflegekräften. Es wäre ein Wirtschaften, das sich nicht nur auf die eigenen Bedürfnisse bezieht, sondern die Bedürfnisse der anderen mitdenkt.

Das erinnert an Projekte und Initiativen in denen Menschen selbstbestimmt, eigenverantwortlich, aber gemeinsam etwas tun: Repair-Cafés, Tauschringe, die Solidarischen Landwirtschaften, deren Zahl seit einem Jahrzehnt beharrlich wächst, Car-Sharing-Initiativen, Wohnprojekte und vieles mehr. Was machen sie besser?

Sie überlegen sich, was sie wirklich wollen und was sie brauchen. Sie organisieren sich selbst und finden Möglichkeiten, Probleme zu lösen, die „den Markt“ nicht interessieren: etwa Dinge zu reparieren, statt neue zu kaufen und dabei gleichzeitig Wissen auszutauschen und Begegnungsräume herzustellen. Gemeinschaften und Netzwerke sind multifunktional. Das kann man gar nicht überschätzen. Es geht nämlich nicht nur darum, ob effizient produziert wird. Es geht immer auch um sozialen Zusammenhalt, um Selbstwirksamkeit und um Souveränität.

Nehmen wir die Solidarische Landwirtschaft. Das Konzept existiert in vielen Ländern der Welt. In Deutschland gibt es inzwischen über 300 sogenannte SoLawis – darunter ja auch in Sigmaringen, Tübingen, Rosenfeld usw. Eine Besonderheit ist, dass sie das Produktionsrisiko gemeinsam tragen. Auch zum Beispiel in diesen Dürrejahren! Die Mitglieder erhalten am Anfang des Wirtschaftsjahres Einblick in die Produktionsplanung und erfahren genau wieviel Geld gebraucht um, zum Beispiel, 50 Familien zu versorgen. Anschließend verpflichten Sie sich dazu, für ein Jahr einen monatlichen, selbst bestimmten Beitrag zu leisten. Die Methode nennt sich Biete- oder Beitragsrunde.

Viele Menschen stecken in Strukturen fest, die sie gar nicht daran denken lassen, sich zu engagieren oder Bereiche in ihrem Leben grundsätzlich zu ändern. Haben Sie eine Idee, wie jeder Mensch schon morgen etwas ändern kann?

Es sind nicht nur die Strukturen, in denen wir feststecken – obwohl das nicht zu unterschätzen ist. Es ist auch unser Denken. Aber der Kopf ist bekanntlich rund, damit das Denken seine Richtung ändern kann. Weg von der Wachstumsorientierung. Hin zu regenerativem Wirtschaften. Weg von vertikalen Strukturen, hin zu „verteilten“ (P2P), heterarchischen Strukturen. Weg von der Kapitalorientierung hin zur Lebensdienlichkeit. Es ist ja so, die Ideen, die wir dem Wirtschaften zu Grunde legen, entfalten eine ungeheure Wirkung. Wenn wir uns das Wirtschaften wie einen Strom vorstellen, müssen wir darauf achten, dass niemand Gift in den Oberlauf kippt. Sondern Nährstoffe.

Ich bin ganz fasziniert davon, wie viele tolle Ideen und Initiativen es gibt, die dem anderen Wirtschaften Nahrung geben: von der Gemeinwohlökonomie über die Commons, von Postwachstumsansätzen bis zur Solidarischen Ökonomie. In unserem Buch beziehen wir uns auf fast 70 Projekte weltweit. Aber meistens haben die Menschen keine Zeit, weil sie in den alten Strukturen hängen. Also: Reduzieren Sie ihre Stunden im „normalen Beruf“, wenn das möglich ist. Schaffen Sie sich Freiräume. Informieren Sie sich und gehen Sie dem nach, wohin ihr Gefühl sie zieht. Überall gibt’s viel zu tun.

Im ländlichen Raum wie zum Beispiel im Landkreis Sigmaringen hat man bisweilen den Eindruck als ob solche Themen wie Verkehrswende, Flächenverbrauch und Agrarwende überhaupt keine Rolle spielen und eher eine intellektuelle Diskussion von ein paar Städtern sind. Es gibt riesige Baugrundstücke, mehrere Autos pro Haushalt und Monokulturen auf den Feldern.

Ja, es ist eine Tragödie. Ein Gefangensein im ewig selben: noch ein Gewerbegebiet, noch ein Einfamilienhaus aus dem Katalog monotoner Bauwerke; noch ein paar Jahrzehnte Schulden; noch mehr Versiegelung; noch mehr leerstehende Fläche, sobald die Kinder aus dem Haus sind; noch weniger Nutzung alter Bausubstanz; noch mehr Infrastruktur für den Individualverkehr. Bei dieser Einfallslosigkeit ist es kein Wunder, dass die junge Generation auf die Straße geht.

Auch Kommunalpolitikerinnen und -politiker können lernen zu denken wie Commoners. Sie können damit anfangen, das Glossar zur gemeinwohlorientierten Stadtentwicklung zu lesen, gerade herausgegeben vom BBSR, dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Dort gibt es viel Inspiration für die Praxis. Oder Sie schauen mal auf die Seite des Netzwerks Ökonomischer Wandel (NOW). Dort heißt es: Eine sinnvolle Strategie für eine Transformation verbindet drei Wege: Commons ausweiten, den Markt am Gemeinwohl orientieren und den Staat umfassend demokratisieren. Beteiligen Sie sich. NOW!

Veranstaltung mit Silke Helfrich

Noch mehr zur Macht der Commons könnt ihr am Mittwoch, 25.11.,erfahren. Dann erklärt Silke Helfrich die Idee in der Stadtbibliothek Stuttgart. Die Veranstaltung wird gemeinsam von der Stadtbibliothek und der GLS Bank in der Reihe Geld – Macht – Wirtschaft organisiert und auf  Youtube übertragen.

Fotos: Silke Helfrich – Jacques Paysan, Titel – Kristina Alexanderson/flickr

Mehr Infos

Das Commons-Institut

Buch von Silke Helfrich: Frei, fair und lebendig – Die Macht der Commons

Blogbeiträge zum Thema Commons und Gemeingüter

Gemeingüter-Serie: Saatgut

  1. Oliver Schmitt

    Guter Artikel, danke dafür.
    Ein Einwand: ich halte „Gemeingüter“ für ein gutes Wort, viel besser auf jeden Fall als schon wieder ein importierter Begriff, bei dem jede*r erst mal fragen muss, was das bedeuten soll. Sprachwahrheit und -Klarheit sollte die Devise sein, das mit dem Fokus auf „Güter“ halte ich für spitzfindig.
    Schöne Grüße

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