Orange Day

Finanzielle Gewalt: Ein unsichtbares Phänomen

Am 25. November ist der internationale Tag “Keine Gewalt gegen Frauen”. Ein Tag, an dem ein Thema Aufmerksamkeit bekommt, das sonst verborgen bleibt. Besonders unsichtbar ist finanzielle Gewalt. Wir wollen den Aktionstag nutzen, um für das Thema zu sensibilisieren.

938 Morde oder Mordversuche an Frauen. Das steht im Lagebericht 2023 des Bundeskriminalamts. Der Bericht zeigt, dass Frauen vor allem zu Hause gefährdet sind. Doch Gewalt muss nicht nur körperlich sein. Neben körperlicher Gewalt gibt es psychische Gewalt, sexuelle Gewalt und auch finanzielle Gewalt.
Viele Frauen* in Deutschland leben ständig in der Angst, keinen Zugang zu ihrem Geld zu bekommen. Sie haben Partner, die finanzielle Gewalt ausüben. Dabei geht es um Kontrolle und Macht über Geld. Eine Person, oft der Mann in einer Heterobeziehung, beansprucht die Macht über das Geld.

Er hat allein den Zugang zu Geld

Die Betroffenen trauen sich nicht, gegen die Maßnahmen vorzugehen, weil sie finanziell schlecht dastehen, Kinder haben, die versorgt werden müssen oder schlicht von dem Thema Geld überfordert sind.

Es gibt Fälle, in denen der Mann allein Zugang zum gemeinsamen Einkommen und Ersparten hat. Die Frau bekommt ein „kontrolliertes“ Taschengeld, in bar. Oder er fordert das gesamte Gehalt der Frau ein, um es anschließend zu verwalten. Die Frau wird finanziell entmündigt.

Laut Finanzjournalistin Dani Parthum, die Geldfrau, „hinterlässt diese Gewalt keine physischen Spuren, dafür seelische Narben, Verzweiflung, Existenzangst, Schuldgefühle, Selbstzweifel“, schreibt sie in ihrem Blog.

Besonders perfide ist, dass finanzielle Gewalt nach außen selten sichtbar ist. Auch von den Betroffenen selbst wird sie manchmal erst im Nachhinein als Gewalt erkannt.

Finanzielle Gewalt hinterlässt Verzweiflung und Existenzangst.

Dani Parthum, Finanzcoach

Das Schweigen brechen

Warum? Weil Gespräche über Geld noch tabuisiert und schambehaftet sind. Vor allem für Menschen, die wenig davon besitzen. Manche Frauen denken, es sei üblich, dass der männliche Partner die Finanzen regelt. Sie verkennen, dass finanzielle Selbstständigkeit ein grundlegendes Recht ist.

Was also tun?

  1. Du hast das Gefühl, keine Macht über Deine Finanzen zu haben? Sprich offen mit einer Vertrauten. Wie regelt sie ihr Geld? Wie führt sie ihr Konto? Wer kann darauf zugreifen? Solche Gespräche können helfen, die eigene Situation besser zu verstehen
  2. Es bestätigt sich Dein Gefühl, dass Dein Partner finanzielle Macht ausübt? Dann wende Dich an Frauenberatungsstellen oder die 116 016 – eine Hotline für Frauen in Gewaltsituationen.
  3. Sprich mit Deiner Bank. Lass Dir so viele Informationen über Deine Finanzen geben, wie möglich. Geh dabei diskret vor.

116016

ist die Hotline für Frauen in Gewaltsituationen. Auch für Frauen, die finanzielle Gewalt erfahren.

Hinweise

Tag gegen Gewalt gegen Frauen

  • Der Tag  “Keine Gewalt gegen Frauen” erinnert uns daran, dass Gewalt viele Gesichter hat. Finanzielle Gewalt ist eine Form davon – oft leise, aber mit weitreichenden Folgen.
  • In vielen Städten gibt es an diesem Tag, der auch Orange Day genannt wird, Aktionen und Demos. Es wird oft dazu aufgerufen, sich pink und orange zu kleiden.

Jede Frau braucht ihr eigenes Konto

Grundsätzlich gilt: Jede Frau braucht ein eigenes Konto, dann erst ein Gemeinschaftskonto.

  1. Jede Person in Deutschland hat ein Recht auf ein eigenes Konto. Hier darf niemand – auch nicht der Ehepartner – ohne Vollmacht drauf zugreifen.
  2. Auf dieses Konto sollte das Geld für die Grundversorgung fließen: Wohnkosten, Lebensmittel, Versicherungen, Notgroschen.
  3. Solltet Ihr in einer Paarbeziehung Eure Finanzen gemeinsam verwalten, eignet sich ein zusätzliches Gemeinschaftskonto. Hier kannst Du Deinen Anteil, etwa für die Miete, überweisen.

Es ist Zeit, über finanzielle Selbstständigkeit und leider auch finanzielle Gewalt zu sprechen, damit Betroffene ernst genommen werden, Hilfe erhalten und ihren Weg in ein selbstbestimmtes Leben finden.

*Wir benutzen hier den Begriff Frauen, weil der Tag so heißt. Wir meinen hier einschließlich alle weiblich gelesenen Personen.  

Mehr für Frauen und ihre Finanzen

Bei der GLS Bank arbeiten viele Frauen, die sich für ihre Kund*innen einsetzen. Daraus ist ein Newsletter und eine Workshopreihe entstanden. Mehr Infos findest Du auf unserer Website.

Frauen bei der GLS Bank

Ob Geld anlegen oder fürs Alter vorsorgen – beim Thema Geld wissen Frauen manchmal nicht, wo anfangen. Wissenschaftler*innen beschreiben den ungleichen Zugang zu Finanzwissen zwischen den Geschlechtern als Gender Financial Literacy Gap. Zur Unsicherheit vor dem „großen“ Thema Geld kommt, dass Frauen statistisch gesehen über weniger Geld verfügen als Männer.

Das wollen wir ändern. Viele unserer Mitarbeiterinnen engagieren sich gezielt, um Frauen einen sicheren Rahmen zu bieten. Hier kannst Du Dich in Gemeinschaft dem Thema Geld und Finanzen nähern.

Es geht uns nicht darum, Tipps für das schnelle Vermögen zu verbreiten. Wir wollen ein Bewusstsein für Geld, Unabhängigkeit und freies Handeln schaffen. Egal, für welches Budget. Deswegen sind alle unsere Veranstaltungen und Infomaterialien kostenlos – und auch für Nicht-Kund*innen zugänglich.

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2 Antworten zu „Finanzielle Gewalt: Ein unsichtbares Phänomen“

  1. Avatar von Frau Mutter
    Frau Mutter

    Hallo,
    danke für diesen Artikel. Es ist sehr wichtig, darüber zu sprechen. Es sollte aber auch ein Thema werden, wie das bei den Kindern geregelt wird. Ich versuche ein Konto für meine fast 16jährige Tochter zu eröffnen und es ist mir allein nicht möglich!

    Ich habe schwerwiegende Gründe dafür, daß der Vater kein Wissen und Zugang zu diesem Konto haben soll, auch wenn es nur ein Taschengeldkonto ist.

    Nun kann ich es meiner Tochter nicht ermöglichen, einen begleiteten Umgang zur Geldverwaltung und zur Finanzwelt zu finden, das ist nicht hinnehmbar.

  2. Avatar von Maren Heidemann
    Maren Heidemann

    So ein wertvoller Artikel, liebe Galika. Danke dafür.

    Finanzielle Gewalt findet auch in Familien statt, in denen Frauen die Kontrolle ausüben. Vor allem Mütter und Großmütter mit narzisstischen Mustern greifen über Geld in das Leben ihrer Kinder ein, besonders in das ihrer Töchter und Enkelinnen. Mal erscheint es als Großzügigkeit, die an Bedingungen gebunden ist. Mal ist es der Zugriff auf Geld, das eigentlich den Kindern gehört. Plötzlich ist das Konto leer, auf dem das Konfirmationsgeld lag.

    So entstehen Abhängigkeit und Kontrolle. Eine Form von Gewalt, über die kaum gesprochen wird. Hinter diesen Mustern stehen oft alte, ungelöste Verletzungen, die über Generationen weitergegeben wurden. Transgenerationale Traumata, die bis heute wirken.

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