Eine Frau in Kambodscha am Webstuhl

Mikrofinanzierung: Der Unterschied liegt in der Verantwortung

Mikrofinanzierung kann finanzielle Selbstbestimmung ermöglichen – vorausgesetzt, sie ist verantwortungsvoll gestaltet. Technical Assistance ist dabei ein sinnvoller Weg, um Kreditnehmer*innen gezielt zu schulen und zu unterstützen. Wir stellen ein Beispielprojekt aus Kambodscha vor.

Von Victor de la Rey, Nachhaltigkeitsanalyst der GLS Investments

Zwei Menschen in Kambodscha im Gespräch.
In der Region Ratanakiri im Nordosten Kambodschas läuft ein Projekt, das durch Technical Assistance (TA) überschuldete Menschen entlasten und ihnen Wege zu mehr finanzieller Selbstbestimmung eröffnen will.

Die Idee hinter Mikrofinanzierung ist einfach: Menschen erhalten Zugang zu grundlegenden Finanzdienstleistungen wie Krediten, Sparmöglichkeiten oder Versicherungen. Das erleichtert soziale und wirtschaftliche Teilhabe. Mikrofinanzfonds investieren dazu gezielt in Mikrofinanzinstitute (MFIs), die wiederum Kleinstkredite an Kund*innen in aufstrebenden Märkten vergeben, etwa in Lateinamerika, Asien oder Afrika.

Kambodscha: Wenn Mikrofinanz aus dem Gleichgewicht gerät

Was in der Theorie gut klingt, kann – bei schlechter Umsetzung – mehr Schaden anrichten als Nutzen stiften. Das kann aktuell auf dramatische Art und Weise in Kambodscha beobachtet werden. Hier ist der Mikrofinanzmarkt seit den frühen 2010er Jahren stark gewachsen. Neben rund 300 formellen Finanzdienstleistern sind auch Tausende informelle Geldverleiher aktiv. Das Problem: Informelle Anbieter sind nicht reguliert, an keine Kundenschutzstandards gebunden und verlangen inflationär hohe Zinssätze. Zudem wuchsen während der Corona-Krise die Kreditvolumina alarmierend schnell.

Die Zahlen sind besorgniserregend: Laut einer Studie liegt die durchschnittliche Kredithöhe bei rund 6.000 US-Dollar, während die durchschnittliche Schuldenlast 13.000 US-Dollar beträgt – bei einem BIP (Bruttoinlandsprodukt) pro Kopf von etwa 2.800 US-Dollar. Diese Diskrepanz führt in vielen Fällen zu Überschuldung und damit verbundenen sozialen Herausforderungen.

Technical Assistance: Positive Wirkung erhöhen

Ein vielversprechender Ansatz, der eine verantwortungsvolle Mikrofinanzierung sicherstellen soll, ist die sogenannte Technical Assistance (TA). Sie ist ein zentrales Instrument der GLS Investments, um die positive Wirkung ihrer Mikrofinanzinvestitionen sicherzustellen.

Was bedeutet Technical Assistance konkret? Sie steht für den gezielten Kapazitätsausbau – also für die Entwicklung von entscheidenden Fähigkeiten, Prozessen und Strukturen, die eine sozial-ökologische Wirkung ermöglichen, und zwar sowohl bei Kund*innen als auch bei MFIs.

Was bedeutet Technical Assistance konkret? Sie steht für den gezielten Kapazitätsausbau – also für die Entwicklung von entscheidenden Fähigkeiten, Prozessen und Strukturen.

Ein Pilotprojekt in Kambodscha

In der Region Ratanakiri im Nordosten Kambodschas leben vor allem indigene Gemeinschaften, die besonders stark unter den Folgen unethischer Mikrofinanzpraktiken leiden. Überschuldung ist weit verbreitet – oft verbunden mit aggressiver Krediteintreibung und fehlenden Kundenschutzstandards. Die sozialen Folgen können verheerend sein. Hier setzt die GLS Investments mit Technical Assistance (TA) an. Unser klares Ziel ist es, überschuldete Menschen zu entlasten und ihnen Wege zu mehr finanzieller Selbstbestimmung zu eröffnen. Umgesetzt wird das Projekt von Cerise+SPTF – einer international tätigen Organisation mit Expertise in verantwortungsvoller finanzieller Inklusion. Unterstützt wird das Projekt von Oikocredit International und der lokalen Organisation ABC. Im Mittelpunkt steht das Thema Consumer Empowerment oder auf Deutsch Kundenbefähigung: Die Teilnehmenden des Programms werden befähigt, informierte und selbstbestimmte Entscheidungen über Finanzprodukte zu treffen. Das geht über klassische finanzielle Bildung hinaus. In theoretischen und praktischen Schulungen lernen sie, Kreditbedingungen zu hinterfragen, mit Mikrofinanzinstituten in den Dialog zu treten und ihre Rechte als Kund*innen wahrzunehmen. Die GLS Investments schreitet hier mit gutem Beispiel voran – mit einem Projekt, das aus eigener Initiative entstanden ist. Andere internationale Organisationen beobachten die Entwicklung des Projekts aufmerksam. Denn was hier entsteht, könnte zukünftig auch in anderen Ländern Wirkung entfalten und als Blaupause dienen.

Verantwortung übernehmen – auch nach dem Rückzug

Die GLS Investments ist sich ihrer Verantwortung bewusst. Entsprechend hat sie ihre Anlagerichtlinien verschärft: Marktsättigung gilt nun ausdrücklich als Ausschlusskriterium für Investitionen. Der Rückzug aus der Finanzierung bedeutet für uns jedoch nicht den Rückzug aus der Verantwortung. Im Gegenteil: Vielmehr stellt sich die Frage, wie Mikrofinanz unter schwierigen Bedingungen weiterhin sozial verantwortungsbewusst gestaltet werden kann. Eine Antwort liegt – wie oben bereits erläutert – in der Technical Assistance.

Wirkung sichtbar machen: Impact-Messung mit 60 Decibels

Neben konkreten Projekten vor Ort investiert die GLS Investments auch in die Messung und Analyse sozialer Wirkung. 2025 beauftragten wir eine Impact-Studie bei 60 Decibels – einem Unternehmen, das sich auf die Erhebung von Wirkungsdaten im sozialen Sektor spezialisiert hat. In diesem Jahr erhob 60 Decibels Daten von 24.450 Mikrofinanzkund*innen aus 39 Ländern. Nach eigenen Angaben sind diese Daten repräsentativ für rund 25 Millionen Kund*innen weltweit. Ziel der Organisation ist es, die Erfahrungen von Kund*innen im Mikrofinanzsektor systematisch sichtbar zu machen.

Vier Menschen sitzen im Freien in Kambodscha auf Stühlen und sprechen miteinander.
Technical Assistance zeigt: Wirkung entsteht nicht ausschließlich durch den Einsatz von Kapital, sondern auch durch Wissenstransfer, Dialog und Verantwortung.

Fazit: „Für unsere Arbeit ist dieser Ansatz besonders wertvoll.“

Als Investorin haben wir nämlich nur begrenzte Möglichkeiten, direkt mit Kund*innen in Kontakt zu treten. Die Umfragen von 60 Decibels ermöglichen nun genau das: Sie liefern Einblicke in die tatsächliche Nutzung und Wirkung von Mikrofinanzdienstleistungen – und helfen dabei, die Qualität unserer Angebote kontinuierlich zu verbessern. Diese Technical-Assistance-Beispiele zeigen: Wirkung entsteht nicht ausschließlich durch den Einsatz von Kapital, sondern auch durch Wissenstransfer, Dialog und Verantwortung. Wir von der GLS Investments setzen uns daher mit voller Überzeugung dafür ein, dass Mikrofinanz verantwortungsvoll wirkt und Wege zu mehr Teilhabe schafft.

Diesen Artikel teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Weitere aktuelle Themen