Was kam nach der Flut? Rückblick auf das Hochwasser 2013

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Wust bei Hochwasser und heute

Und plötzlich kam das Wasser. Als im Mai und Juni 2013 die Wassermassen Deutschland überfluteten, standen tausende Menschen vor riesigen Problemen. Vor allem im Osten Deutschlands waren Deiche und Dämme gebrochen. Betroffen waren auch über 100 Biobetriebe. Angesichts der Notsituation war die Hilfsbereitschaft in ganz Deutschland enorm. Auch die GLS Bank wollte helfen. Gemeinsam mit der Zukunftsstiftung Landwirtschaft und den Bioverbänden Bioland, Biopark, Biokreis, Demeter, Gäa, Naturland und dem Verbund Ökohöfe startete sie die Fluthilfe-Aktion zur Unterstützung von Biohöfen in den Hochwasser-Gebieten.

Insgesamt gingen mehr als 500.000 Euro auf dem Spendenkonto ein. Die Spenden gingen an 52 Biohöfe. In Vergabesitzungen mit Vertretern der GLS Bank, der Zukunftsstiftung Landwirtschaft und der Bioverbände wurde schnell und unbürokratisch die Verteilung von Beträgen beschlossen, die zwischen 1.000 und 30.000 Euro lagen. Die Fluthilfe-Aktion ist ein Beispiel für schnelles und solidarisches Handeln – deutschlandweit. Wir haben nachgefragt: Hat das Geld geholfen? Wie geht es den Höfen heute? Vier Biobetriebe geben Antwort im GLS Blog.

Die Anbauflächen bei der Flut - Ökokiste Schwarzach

Demeter-Gärtnerei Veit Plietz / Ökokiste Schwarzach
„Dank dieser Hilfe war es uns möglich, unsere Kunden in gewohnter Menge und Qualität zu beliefern. Kaum auszudenken, was passiert wäre, wenn man den entstandenen Schaden nicht hätte mit Waren unserer Partner kompensieren können“, erzählt Veit Plietz, Chef der Raritätengärtnerei und der Ökokiste Schwarzach im unterfränkischen Landkreis Kitzingen. Die Gärtnerei vertreibt ihr Gemüse per Kiste direkt an die Endkunden. Die schnelle Hilfe war dringend nötig. „Wir hatten nahezu einen Totalschaden“, berichtet der Demeter-Gärtner.
Neben den Ökokisten können Kunden direkt im Hofladen einkaufen. Nach dem 5. Juni 2013 war damit allerdings erst einmal Schluss. Nicht nur die ca. zwei Hektar Landfläche, auch die Bürogebäude standen unter Wasser. „Das hat eine halbe, vielleicht eine Dreiviertelstunde gedauert“, erinnert sich Veit Plietz. „Wir konnten gerade noch unsere Autos wegfahren, das war es aber auch.“
So schnell das Wasser kam, so schnell war es auch wieder verschwunden. Mit den Folgen aber lebt die Gärtnerei noch heute. Erst im Dezember konnten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Notcontainer wieder in die normalen Büros einziehen. Vor allem die Zerstörung der Jungpflanzen, aber auch der Rückgang der Erntemengen machten dem Betrieb zu schaffen. Da auch der Laden stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, galt es in aller erster Linie, die gewohnte Qualität im Verkauf zu halten: „Wir haben alles versucht, trotzdem sind Kunden abgesprungen“, berichtet Veit Plietz. Die Spenden aus der Fluthilfe-Aktion halfen, die erste Not unbürokratisch zu lindern. Die weitere Entwicklung der demeter-Gärtnerei sieht Veit Plietz positiv: „Vor allem im Hinblick auf unseren Hofladen bin ich optimistisch, dass wir bald wieder alles in gewohnter Weise im Griff haben.“

Rose GbR Kühren
Auch für Familie Rose aus Aken und ihren Biohof stellte das Hochwasser eine existenzielle Bedrohung dar. Alle Ländereien wurden von der Saale überflutet. Viel Zeit blieb nicht, die Roses brachten vor allem ihr Vieh in Sicherheit. „Dann standen wir mit den Tieren auf der Anhöhe und schauten zu, wie das Wasser kam“, erinnert sich Tilo Rose.
Die Hilflosigkeit des Menschen gegenüber dieser Naturgewalt wird immer wieder deutlich in den Gesprächen mit den Landwirten. Gerade sie sind direkt betroffen, denn ihr Lohn und Brot hängt genau an dieser Natur. Die Langzeitschäden des Hochwassers sind noch gar nicht abschätzbar. Auch die Roses beobachten ihre Ländereien ganz anders als sonst, sammeln neue Erfahrungen. „Wir wissen nicht, was da alles angeschwemmt worden ist“, berichtet Tilo Rose. Über Bodenproben stellt der Betrieb nun sicher, dass seine Böden schadstofffrei sind. Überraschend auch, dass da, wo die Roses vorher Luzerne gesät hatten, wieder Weizen wachsen kann, weil der Boden gut drainiert ist. Dennoch ist das Fazit zurzeit immer noch trüb: „Auf einigen Äckern haben sich die Bodensenken wieder mit Wasser gefüllt. Manches sieht noch schlimm aus.“
Nach dem Verlust der Ernte 2013 konnten mit den Geldern der Fluthilfe-Aktion wenigstens die notwendigsten finanziellen Löcher gestopft werden. Landwirt Rose ist dankbar für die Hilfe: „Wir hatten wirklich nicht damit gerechnet, dass die Menschen auch an uns hier im fernen Osten so denken.“

Jochen Voß, Naturland-Hof in Wust
Mit Sorge blickt Jochen Voß auf die kommenden Erntezyklen. Auf seinen Feldern stand das Wasser zwölf Tage bis zu anderthalb Metern hoch. „Der Boden ist völlig verdichtet, alle Lebewesen sind tot“, erklärt der Landwirt, der seinen Hof nach Naturland-Richtlinien bewirtschaftet und Basissaatgut erzeugt. „An manchen Stellen riecht der Boden richtig faul, wenn man da anfängt zu graben.“

Wie groß der Schaden wirklich ist, wird sich daher wohl erst mit der Ernte diesen Jahres zeigen, denn noch ist es für Voß ein Experiment, wie seine Saat aufgehen wird: „Das ist schon frustrierend. Über Jahre hat man hier Felder Jochen Voß, Wustan einem ökologischen Gleichgewicht gearbeitet und jetzt ist der Boden völlig durchwaschen. Bis ich das ökologische Gleichgewicht wieder aufgebaut habe, dauert es Jahre.“
Am Tag der Flut war Jochen Voß von solch langfristigen Überlegungen meilenweit entfernt. Als die Warnung kam, blieb gerade noch Zeit, die Technik zu retten. Im Gespräch merkt man deutlich, wie nah das Zurückdenken an die Zeit des Hochwassers dem Landwirt immer noch geht: „Ich kam mir wirklich vor wie in einem Krisengebiet. Ich sah die Katastrophe langsam kommen, konnte sie aber nicht aufhalten.“
Während seine Frau und die drei Kinder nach Stendal evakuiert wurden, entschied sich Jochen Voß, zusammen mit ungefähr sechzig weiteren von den 600 Dorfbewohnern in Wust zu bleiben. Mit 30.000 Sandsäcken bauten sie provisorische Dämme und versuchten so, das Schlimmste zu verhindern.
Von der Fluthilfe-Aktion erfuhr der Landwirt von Naturland. Mit den Mitteln konnte er einen Mitarbeiter einstellen und eine Maschine zur Entkrautung kaufen und so termingerecht wenigstens die dringendsten Arbeiten erledigen.

Michelis GbR in Neukamern
Nur dreißig Kilometer nördlich von Wust liegt Neukamern. Hier bewirtschaftet Familie Michelis einen Gemischtbetrieb, den sie vor drei Jahren auf ökologische Landwirtschaft umgestellt hat. DÜberflutete Chaussee - Hof Michelis, Neukamernass die Flut kommt, erfuhren die Michelis auf recht unkonventionellem Wege: „Meine Tochter informierte uns nachts aus Neuseeland“, erinnert sich Beate Michelis.
Neukamern sollte am 11. Juni evakuiert werden. „Aber für uns war klar: Wir bleiben und verteidigen den Deich!“, erzählt Beate Michelis. Die wilde Entschlossenheit klingt noch aus ihr heraus. „Das war ein wirklich tolles Gefühl, wie damals alle zusammengehalten haben. Einer hat das Vieh des anderen mitversorgt, jeder mitgemacht, egal, wem was gehörte!“
Am Ende blieben die Bemühungen der Dorfgemeinschaft vergebens. Bis auf 0,2 Hektar Fläche war das Land der Familie Michelis vollständig überflutet. Noch heute ist der Boden viel feuchter als gewöhnlich. Schlimmer aber ist die Zerstörung des Bodengefüges: „Technisches Hilfswerk und Bundeswehr haben mit Panzern Dämme aufgefahren. Da ist jetzt der ganze Mutterboden weg.“ Um die Fruchtbarkeit des Bodens wieder herzustellen, pflanzt der Biohof nun Kleegras-Gemenge.

Auf die Fluthilfe wurden die Michelis‘ durch ihren Bioverband, die Gäa e.V., aufmerksam. Das Geld hat die Familie vor allem für die Vorfinanzierung von Saatgut und zur schlimmsten Schadensbegrenzung verwendet. „Bis wir wieder richtige Fruchtfolgen pflanzen können, wird es noch Jahre dauern, aber das versuchen wir erst einmal zu verdrängen.“

Das Hochwasser von 2013 ist für viele schon wieder Vergangenheit. Die Betroffenen sind aber weiterhin tagtäglich mit der Beseitigung der Flutschäden beschäftigt. Dennoch geht es voran. An vielen Stellen wird der Hochwasserschutz verbessert, offenbar hat ein Umdenken der Politik hin zu Renaturierung von Überflutungsflächen stattgefunden. Wie die Fluthilfe-Aktion aufgenommen wurde, formuliert die Familie Rose in ihrem Dankesschreiben an die Zukunftsstiftung Landwirtschaft stellvertretend für alle vier Gesprächspartner: „Es hat uns wirklich am Herzen gerührt. Danke!“

Die beiden Titelbilder zeigen Wust bei der Flut und im März 2014 – auf den ersten Blick sind die Folgen der Flut nicht zu erkennen.

Die Rechte zu den Fotos liegen bei den jeweiligen Höfen. Weitere Impressionen zur Flut gibt es hier: https://www.flickr.com/photos/glsbank/sets/72157643212008134/

Hier geht es zum Internetauftritt der Zukunftsstiftung Landwirtschaft: http://www.zs-l.de/

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