Die Neuerfindung der Neuzeit

Die Neuerfindung der Neuzeit

Kolumne von Philip Kovce, Autor

Jeden Morgen beginnt für mich aufs Neue die Neuzeit. Die neuesten Nachrichten warten auf mich in der neuesten Ausgabe der Tageszeitung. Außerdem werden darin die neuesten Trends aller Art kommentiert und beworben. Und auch ansonsten gilt: Das Neue steht hoch
im Kurs. Ich soll immer wieder neue Ideen haben und neue Produkte kaufen, neue Kontakte knüpfen und neue Wege gehen. Wenn ich nicht darauf achte, dass ich andauernd als Neuerscheinung durchgehe, dann sehe ich ziemlich alt aus.

Alt aussehen: Das ist das Schlimmste, was einem in der Neuzeit passieren kann. Denn die Neuzeit, in der wir dieser Tage leben und arbeiten, feiert das Neue und verachtet das Alte. Sie liebt die Jugend und hasst das Alter. Forever young: Wer da nicht mithalten kann, der hat es sich mit dem Zeitgeist verscherzt. Der Zeitgeist von heute kennt kein Gestern, sondern ausschließlich ein Morgen. Er stürzt sich fortwährend der Zukunft entgegen — stets auf der nimmermüden Suche nach dem allerneuesten Hit.

Dumm nur, dass wir auf diese Weise nicht bloß das Alte pauschal entwerten, sondern ebenfalls das Neue regelmäßig überbewerten. Wenn wir das Alte per se für überholt und das Neue einfach so für angesagt halten, dann gilt uns nicht tatsächliche Qualität, sondern allein scheinbare Aktualität als Maßstab. Das ist absurd. Denn erstens gilt: Das Gute ist nicht immer neu. Und zweitens gilt: Das Neue ist nicht immer gut. So wenig das Alter  zwangsläufig ein Makel ist, so wenig ist die Neuheit unbedingt ein Vorzug.

Was folgt daraus? Nichts weniger, als dass ich die Neuzeit selber neu erfinden muss. Ich muss die Geister des Neuen klar unterscheiden lernen. Und wo lässt sich das am besten lernen? Bei den alten Griechen! Sie unterschieden bereits das zeitlich Neue (neos) und das wesentlich Neue (kainos), also das temporär Neue und das essenziell Neue. Je besser mir diese Unterscheidung gelingt, desto weniger falle ich auf die alltäglichen Aktualitätsschmeichler herein und desto mehr trage ich dazu bei, dass das wesentlich Neue wirklich gut wird.

Anders gesagt: Sich ständig auf den neuesten Stand bringen, andauernd up to date sein, das ist die Lebensform der neos-Neuzeit. Demgegenüber besteht die Lebensform der kainos-Neuzeit darin, sich ernsthaft zu fragen, was tatsächlich an der Zeit ist: Was brauche ich jetzt wirklich? Und was benötigen eigentlich die anderen? Diese Fragen lassen sich nicht delegieren. Ich muss mich, will ich sie beantworten, nicht nur informieren, sondern zugleich engagieren. Wenn ich das tue, dann bin ich nicht bloß Zeitgenosse (neos), sondern vielmehr An-der-Zeit-Genosse (kainos) der Neuzeit.

Zurück zum Bankspiegel 2020/1 Inhaltsverzeichnis

Ein Artikel aus dem GLS Kundenmagazin Bankspiegel zum Thema „Neu denken – So geht Transformation“. Diesen und viele andere spannenden Artikel finden Sie im Blog. Alle Ausgaben des GLS Bankspiegel als PDF finden Sie unter: https://www.gls.de/bankspiegel/.

Lest mehr von Philip Kovce.

  1. Dieter Volk

    Einen guten Tag
    Kein Kommentar, nur ein Hinweis:
    im Satz „Sowenig das Alter wangsläufig ein Makel ist …“ ist ein Tippfehler.
    Freundlich grüßt
    Dieter Volk
    in Bamberg

    • Bettina Schmoll

      Danke für den Hinweis, ist korrigiert.
      Viele Grüße
      Bettina

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.