Feeding The 5000 - Im Interview Claudia Thermann

„Feeding The 5000“ – Ein Interview mit Claudia Thermann

In den letzten beiden Beiträgen unserer Blogserien haben wir uns mit dem Gefühl Weltschmerz befasst und hinterfragt, wieso „nachhaltig leben“ eigentlich so schwer umsetzbar ist. Eine Frau, die die Sache einfach anpackt und andere begeistert, ist Claudia Thermann. Die Betriebswirtin hatte einfach genug von der vielen Lebensmittelverschwendung und gründete kurzerhand den Verein „Stop Food Waste For Peace“. Mit Feeding The 5000 findet am 16. September 2017 auf dem Rathausinnenhof in Münster die erste Veranstaltung statt. Wir haben nachgefragt, wie es dazu kam und was ein Einzelner bewirken kann.

Was ist Feeding The 5000?

Claudia Thermann: Bei Feeding The 5000 handelt es sich um ein Veranstaltungsformat der Organisation FeedBack Global aus England, das seit 2007 in vielen großen Städten weltweit realisiert wurde. Grundsätzlich möchten wir damit einen achtsamen Umgang mit Lebensmitteln fördern und darauf aufmerksam machen, dass Jahr für Jahr tausende Tonnen intakter, essbarer Lebensmittel verschwendet werden – das ist der Fokus. Das Event selber bildet den Anschub für langfristiges Engagement im Netzwerk mit allen, die sich gegen Lebensmittelverschwendung engagieren wollen. Das Format ist ein fröhliches, kraftvolles Plädoyer gegen die Wegwerfgesellschaft und für den Respekt gegenüber dem, was uns ernährt. Bisher gab es diese Veranstaltungsreihe nicht in Deutschland, die erste große Speisung findet am 16. September in Münster statt.

Aus welchen Gründen ist diese Veranstaltung entstanden?

Ich bin selber Anti-Foodwaste-Aktivistin und wollte eine Bewegung initiieren. Also habe ich mir Verbündete gesucht, erst mal bundesweit, aber vor allem in Münster, und habe vier tolle Frauen gefunden. Wir hatte alle ganz unterschiedliche Schwerpunkte und brauchten einen gemeinsamen Nenner, um ein konkretes Projekt zu starten. Als wir uns einig waren, wohin es gehen soll, haben wir FeedBack Global gefragt, ob wir die Veranstaltung in Münster durchführen dürfen. Das ganze Projekt ging im Februar 2017 bei Null los, als wir unseren Verein Stop Food Waste For Peace gegründet haben. Wir haben einfach angefangen und uns Verbündete, Freiwillige und Unterstützer*innen gesucht, und freuen uns sehr, dass wir in Münster Gastgeber für diese tolle Veranstaltung sind.

Viele Menschen sind mit den aktuellen Problemen in der Welt überfordert und fühlen sich deswegen oft hilflos. Geht es dir auch so?

Ich finde, dass jeder Mensch seine ganz eigene Perspektive hat – egal, ob das familiär, regional oder weltweit ist. Es kommt darauf an, in welcher Lebensphase man ist, aber es geht heutzutage nur noch darum, die Anforderungen in unserer komplexen, digitalisierten Welt zu meistern. Die Kinder haben schon ihre Tablets mit ihren Cartoons und Filmchen, die Grundschüler*innen haben Smartphones, die Erwachsenen schreiben nur noch über Messenger miteinander. Das Problem dabei ist: Wir bekommen alle Ereignisse auf der Welt direkt zur Verfügung gestellt, auch aus Teilen der Welt, von denen wir nicht mal wussten, dass es sie gibt. Es ist kein Wunder, dass da schnell eine Überforderung entsteht.

Je schneller und größer das Angebot, desto mehr strengt uns das an. Ich verstehe, dass sich dann viele Menschen schlecht fühlen, das macht auch mich manchmal hilflos. Die Frage ist: Kann man sich wirklich emotional einstellen auf die Bilder, die man zu sehen bekommt? Was mache ich mit diesem Angebot an Bildern? Es berührt mich, das alles zu sehen, aber es berührt mich mehr, wenn etwas regional oder bei in meiner Familie passiert. Um diesem Empfinden entgegen zu steuern, habe ich für mich meinen Konsum verändert und angepasst. Ich versuche, mich diesem Überangebot ein Stück weit zu entziehen und habe auch meinen Medienkonsum reduziert. Ich denke, das hilft schon sehr.

Was fällt dir ein, wenn du von anderen hörst: „Es bringt nichts, wenn ich mein Verhalten ändere, denn ich als Einzelner kann sowieso nichts bewirken“?

Für mich waren solche Sätze der große Anschub, anzufangen und etwas zu tun. Ich möchte zeigen, dass Engagement etwas bringt. Es gibt viele Dinge auf dieser Welt, die uns Angst machen oder uns bedrohlich vorkommen, aber wir müssen dagegen vorgehen. Und gerade Konsum ist für mich ein Thema, zu dem es kein vergleichbares gesellschaftskritisches Thema gibt, auf das wir als Menschen so einen direkten Einfluss haben – also was wir selber steuern können. Angebote der Lebensmittelindustrie fallen nicht einfach so vom Himmel, ihnen geht immer eine Nachfrage voraus. Wenn wir als Konsumenten aktiv nachfragen, steuern wir damit die Produktauswahl. Wenn wir billige Lebensmittel kaufen, ist das wie ein Verlust von Wertschätzung. Streng genommen sind wir selber verantwortlich für die Produkte. Und wenn wir Erdbeeren ganzjährig kaufen, wird es auch ganzjährig Erdbeeren geben, obwohl die Produktion sehr ressourcenintensiv ist. So ein Beispiel zeigt, dass jeder einzelne durch seinen persönlichen Konsum den Handel beeinflussen kann. Hier entsteht eine wahnsinnig starke Konsumentenkraft, die wir gebündelt gemeinsam nutzen können und auch sollten.

Was kannst du Menschen mit diesem Gefühl mit auf den Weg geben?

Ich merke häufig, dass das Ganze erst real wird, wenn es in den Köpfen und Herzen der Menschen ankommt, also beispielsweise dieses tägliche Entscheiden, Sachen wegzuwerfen. Pro vierköpfige Familie werden in Deutschland jährlich Lebensmittel im Wert von 1000€ entsorgt. Das ist viel Geld, das dann zum Beispiel für eine Klassenfahrt oder einen Computer fehlt – gerade für Menschen, die nicht so gut gestellt sind, ist das schwierig, wenn man jedem Kind gerecht werden möchte. Diesem Verhalten möchten wir gegensteuern, wir möchten zeigen, dass Lebensmittel wertvoll sind und dass sie nicht in den Abfall gehören! Wir möchten auch zeigen, dass „nachhaltig leben“ einfacher ist, als man denkt.

Wer sich von regionalen Lebensmitteln ernährt oder wer anfängt, sich für das frische Kochen zu interessieren, und für seine Familie eine Esskultur etabliert, hilft schon mit seinem Verhalten. Verschwendung vermeiden bedeutet auch nicht automatisch Verzichten, oder jemand verbietet uns was, sondern es bedeutet einfach ein bewussterer Umgang mit Lebensmitteln. Das ganze Format ist ein Katalysator und Wegweiser für alle Menschen, die sich für Nachhaltigkeit interessieren. Es geht dabei um grundlegende Fragen: Welche Möglichkeiten habe ich: Welche Lebensmittel produziere ich als Landwirt? Welche Lebensmittel biete ich als Handel an? Welche Rahmenbedingungen schaffe ich als Politiker? Was kaufe ich, was esse ich, was schmeiße ich davon weg? Warum mache ich das eigentlich? Was hat unser Handeln für Auswirkungen auf andere Menschen? Wenn man sich diese Fragen stellt, dann wird auch klar, dass jeder Mensch seinen Beitrag leisten kann.

Würdest du dich generell als einen Menschen beschreiben, der Probleme „anpackt“ oder kam das auf einmal durch das Problem „Hunger in der Welt“?

In meinem Leben hatte ich schon immer das Motto von Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“. Das ist meine generelle Haltung. Aber auch Dinge wie Nahrungsmittelverschwendung stehen schon sehr lange auf der politischen Agenda. Das waren jetzt keine neuen Impulse, die ich als Mensch bekommen habe, das begleitet und berührt mich schon sehr lange. Ich habe einfach beschlossen, dass ich jetzt etwas tun möchte und die Zeit jetzt reif ist und ich ehrenamtlich Zeit dafür finde.

Was hast du bezogen auf „Feeding The 5000“ für die Zukunft vor?

Feeding the 5000 TeamWir von Feeding The 5000 haben schon sehr viel erreicht, wenn ich daran denke, dass wir im Februar bei Null mit nur vier Freiwilligen gestartet sind. Mittlerweile haben wir unsere erste Veranstaltung und fast 80 Freiwillige. Münster soll auch kein einmaliges Ereignis sein, sondern der Auftakt zu einer langfristigen, kraftvollen Bewegung mit allen, die sich engagieren wollen. Wir freuen uns, dass das Ganze schon internationale Kreise gezogen hat. Durch die Veranstaltung sollen auch neue Netzwerke entstehen, mit denen wir die Bewegung weiterführen können. Wir haben auch schon Anfragen von Organisationen aus Europa bekommen, die in Zukunft mit uns zusammenarbeiten möchten. Alle Eindrücke, die wir bis dahin gesammelt haben, werden wir auswerten und dann mit voller Kraft weitermachen.

Feeding The 5000 - Im Interview Claudia Thermann

Am 16. September findet die Feeding The 5000 Veranstaltung auf dem Rathausinnenhof von 11 bis 15 Uhr statt. Hier geht es zur Veranstaltung bei Facebook.

Die anderen Artikel der aktuellen Blogserie „Nachhaltigkeit im Denken und Tun“ findet ihr  hier und hier.

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