Der, die oder das? – Lernen mit den Großen

Hüseyin und Sprachbotschafterin Sophia meistern gemeinsam die Tücken der deutschen Sprache.

Kinder lernen mit Jugendlichen. Hinter dieser schlichten Formel steckt eine Idee, die Unterricht verändert. Die „Sprachbotschafter“ der Evangelischen Schule Berlin Zentrum gehen regelmäßig in Grundschulen und unterstützen dort die Kinder. Das Konzept hat sich in der Hauptstadt bereits herumgesprochen. Wir haben einige der Sprachbotschafter bei ihrem Einsatz begleitet.

„Nuuuudeeeell.“ Der sechsjährige Hüseyin wiederholt das Wort mehrmals und zieht es so lang, als zöge er an Spaghetti.

„Nuuuudeeeell.“ Sophia, 13, sitzt lächelnd neben ihm. „Und, wo ist der Buchstabe D bei dem Wort? Vorne, hinten oder in der Mitte?“, fragt sie geduldig. „In der Mitte“, antwortet Hüseyin. „Ganz genau“, sagt Sophia. „Und wie schreibt man denn den Hund?“

Sophia ist Sprachbotschafterin und kommt jeden Mittwoch in die Gustav-Falke-Grundschule, um Kindern zu helfen. Sie übt mit den Jüngeren Deutsch oder erklärt Aufgaben in Mathe. Das ist aber längst nicht alles. „Die Sprachbotschafter machen auch eigene Angebote“, sagt Projektkoordinatorin Anna-Lilja Edelstein, die die Jugendlichen betreut. In einer Klasse dachten sie sich mit den Kindern ein Theaterstück aus und drehten einen Film. In einer anderen erfanden sie „Berlin meine Stadt“: „Dabei ging es darum, die Größe und Vielfalt Berlins zu verinnerlichen, z. B. durch Gedankenreisen. Die meisten kennen ja nur ihren eigenen Stadtteil.“ Dem Einfallsreichtum der Angebote sind keine Grenzen gesetzt.

Die Hilfe im Unterricht ist ungewöhnlich: persönlich und herzlich. In der Gustav-Falke-Schule üben Sophia und Josefine mit den „Minis“ alles rund um den Buchstaben D. Nebenan sitzen die „Maxis“ aus der zweiten Klasse. Elisabeth sitzt neben einem Mädchen und zeigt auf das Bild eines Rüssels im Übungsheft: „Welcher Artikel gehört dazu: der, die oder das?“

Für die Lehrerinnen und Lehrer sind die Jugendlichen eine Bereicherung. Lehrerin Stephanie Aschenbrandt geht umher, beobachtet, gibt hier und da Tipps. „Es ist toll, wie geduldig die Sprachbotschafter sind“, sagt sie. Durch die intensive Betreuung arbeiten die Schülerinnen und Schüler besser und konzentrierter. Darum stellte sich die Lehrerin auch gerne um. Immerhin müsse man sich trauen, Kontrolle abzugeben: „Die Sprachbotschfter sollen ja nicht nur hinten drin sitzen“. Die Sprachbotschafter  fördern auch das selbstständige Lernen. „Wir schaffen Bewegung und brechen Strukturen auf“, sagt Anna-Lilja Edelstein, Koordinatorin des Projekts in Berlin.

Initiiert wurde das Konzept von der Evangelischen Schule Berlin Zentrum. Bislang machen vier Grundschulen mit, weitere Schulen werden gesucht. Die Zukunftsstiftung Bildung der GLS Treuhand fördert das Projekt in Berlin und stößt es im Ruhrgebiet und in Düsseldorf an.

Ein Schlüssel für den Erfolg ist der geringe Altersunterschied. „Die Sprachbotschafter sind schöne Vorbilder“, sagt Stephanie Aschenbrandt. Die Jugendlichen kommen aus den Klassen 7 und 8. „Die Kinder schauen zu ihnen auf und die Jugendlichen bekommen so unmittelbar ein Gefühl dafür, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen“, sagt Anna-Lilja Edelstein. Von „Peer-Learning“ sprechen die Fachleute. Dahinter steckt das gemeinsame Lernen von Menschen ähnlichen Alters. Der Grundgedanke: Den Kindern fällt es leichter, sich an Jugendlichen zu orientieren, als an Erwachsenen. Auf Hüseyin trifft das definitiv zu. Ihm hat es gefallen mit Sophia, die er „Helferin“ nennt. Und am Ende ist ihm auch völlig klar, wo in der Nudel das D steckt – und dass der Hund kein „Hunt“ ist.

Bundesweit sollen bald 3.000 Kinder als Sprachbotschafter aktiv sein, die für ihre Einsätze geschult werden. Auch werden spezielle Lernmaterialen entwickelt, die den Jugendlichen bei ihrer Arbeit helfen. Dabei benötigt das Projekt eure Hilfe. Über unser GLS Spendenportal könnt ihr die Sprachbotschafter unmittelbar und unkompliziert unterstützen.

Die Sprachbotschafter genießen bereites hohe Anerkennung:  Die Bundeskanzlerin widmete dem Projekt ihre Aufmerksamkeit im „Dialog über Deutschland“  und  die Wissens-Sendung „Ozon“ des RBB besuchte die Evangelischen Schule Berlin Zentrum  im April 2012.

Julian Mertens, GLS Treuhand e.V.

 

Bild Oben: Hüseyin und Sprachbotschafterin Sophia meistern gemeinsam die Tücken der deutschen Sprache.

Bild Mitte und Unten: Erst spielend lernen, dann aktiv am Unterricht teilnehmen.

  1. Pingback: Da hilft nur schenken | GLS Bank-Blog: Geld ist für die Menschen da!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.